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Darius Milhaud

La création du monde, Le boeuf sur le toit, Suite provençale, L'homme et son désir

div. Sänger, Nationalorchester Lille, Jean-Claude Casadesus

Naxos 8.55 7287
(68 Min., 7/2003) 1 CD

Im Gegensatz zu seinen französischen Zeitgenossen Debussy und Ravel reiste Darius Milhaud nicht nur in Gedanken in ferne Länder, um sich musikalisch von ihnen inspirieren zu lassen. Milhaud war ein im aktiven Sinne wahrer Globetrotter, den es mal in die Hochburg des Jazz, in die USA zog. Oder der während des Ersten Weltkrieges mit seinem Freund Paul Claudel nach Brasilien aufbrach. Die überall eingesammelten Klang-Souvenirs streute Milhaud kurz danach stets über seine Partituren aus und schuf so nicht zuletzt mit seinen beiden Ballett-Musiken "La création du monde" und "Le boeuf sur le toit" zwei beliebte Dauerbrenner gerade für den Konzertsaal. Mit seinem Orchester aus Lille trifft Dirigent Jean-Claude Casadesus aber nun nicht nur bei den dampfenden Rhythmen und der jazzigen Lässigkeit mitten ins Schwarze. In die blendende Virtuosität zieht Casadesus immer wieder genau die neo-klassizistischen Halterungen ein, die auf dem europäischen Kontinent so en vogue waren. Allein die Einleitung von "La création du monde" besitzt dann eine vom Saxofon getragene Strenge und Melancholie, die überraschenderweise genau jenes Flair besitzt, das Kinogänger an den Soundtrack zu Truffauts Beziehungsdrama "Jules et Jim" erinnern wird.
Im Schatten der beiden Hexenkessel-Ballette steht bis heute das Ballett "L'homme et son désir", das Milhaud 1917/18 nach einem Gastspiel der legendären Diaghilew-Compagnie in Brasilien komponierte. Dieses südamerikanische Mythen-Stück, das im urzeitlichen Regenwald des Amazonas spielt und für das Milhaud ein textlos agierendes Sängerquartett vor das Orchester setzte, ist jedoch von einem ganz anderen Kaliber. Die chromatischen Farben werden sanft aneinander gerieben, im Schlagwerk kommt es zu ereignisreichen, fast futuristisch-exzessiven Konstellationen à la Edgard Varèse. Doch Milhaud war eben nicht nur Kosmopolit, sondern gleichzeitig heimatverbunden. Ausdruck davon gibt die "Suite provençale", in der Milhaud über volkstümliche Melodien so beschwingt phantasierte, wie sie Casadesus nun ausmusizieren lässt.

Guido Fischer, 03.12.2005



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