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Imre Kálmán

Die Herzogin von Chicago

Norine Burgess, Mehrzad Montazeri, Wolfgang Gratschmaier u.a., Wiener Volksoper, Michael Tomaschek

Capriccio/Delta Music 93509
(145 Min.) Format 4:3, DVD 9, PAL/NTSC, Region Code 0

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts drängte die amerikanische Tanzmusik auch nach Deutschland und Österreich, wo man sich zu jener Zeit mit Operetten musikalisch zu unterhalten pflegte. Ein schlauer Einfall, sich auf offener Operettenbühne mit dem in Mode kommenden neuen Genre auseinanderzusetzen. Genau das tat Emmerich Kálmán mit seiner 1928 in Wien uraufgeführten "Herzogin von Chicago": Charleston und Csardas lieferten sich einen Wettstreit, personifiziert in der schwerreichen New Yorker Fabrikantentochter Mary und dem sylvarischen Erbprinzen Sándor Boris. Das alles aus der Feder eines jüdischen Komponisten und zweier jüdischer Librettisten, die mit einem Hauch von Selbstironie in der Gestalt von James Bondy, dem Privatsekretär der reichen Lady, auch noch einen amerikanischen Juden auf die Bühne brachten ... aus heutiger Sicht auf jene Zeit ein äußerst explosives Gemisch, das - nach 252 Aufführungen allein in Wien und Gastspielen in ganz Europa - nach der Machtübernahme durch die Nazis auch tatsächlich im Orkus verschwand. Vorher noch spielte allerdings Theodor W. Adorno die "Herzogin von Chicago" gegen die schon vorher verfemten Mahler-Sinfonien aus, indem er die Flachheit und Abgeschmacktheit des Stücks mit ätzenden Worten geißelte und empfahl, lieber "Produkte dieser Art auszumerzen" als die Musik Mahlers zu verbieten.
Für die Neuproduktion an der Wiener Volksoper, eine "operettenarchäologische Tat", wie Regisseur Dominik Wilgenbus im angehängten Special bekundet, hat man die Herzogin von fünf auf etwas über zwei Stunden gekürzt, neue Dialoge geschrieben und auch gehörig an den Handlungssträngen bzw. am Profil einiger Personen gebastelt. Dies alles kommt dem Stück sicher sehr zugute: Die "Herzogin von Chicago" ist, unbeschadet ihres Kulturen-verbindenden Ansatzes, natürlich pure Unterhaltung der dekadenten Sorte, wenn auch vergleichsweise gut gemachte. Texte und Handlung sind wie gewohnt unsinnig, die Partitur bietet nach den ersten Aha-Erlebnissen de facto nicht mehr oder keine grundsätzlich anderen Highlights als andere Operetten jener Tage. Auf die Bühne gebracht haben Wilgenbus und sein Mit-Bearbeiter Stefan Frey das Ganze überaus humorvoll in bunten, üppigen Kostümen jener Zeit mit großer Sorgfalt und viel Freude am Detail. Die Hauptrollen sind mit Norine Burgess, Mehrzad Montazeri und vor allem Wolfgang Gratschmaier (als Bondy) sehr gut besetzt. Wer aufwändigen Klamauk mag, der kommt hier voll auf seine Kosten; wer auf Grund des Titels und wegen des amerikanischen Einflusses auf die Musik etwas ganz anderes erwartet hat, der wird vielleicht enttäuscht sein.

Michael Wersin, 29.10.2005



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