Responsive image
Ernst Krenek

Lieder

Ilana Davidson, Debra Ayers

Capricio/Delta Music 67133
(57 Min., 12/2003) 1 CD

Lied-Früchte aus einem langen, ereignisreichen Komponistenleben, das noch in der Habsburger Monarchie wurzelte und, nach Widerstand und Verfemung während der Zeit des "Dritten Reiches", schließlich in einem Bungalow in Palm Springs zu Ende gelebt wurde. Von Kreneks Nachbarin dort, die in einer eisernen Lunge leben musste, stammt der anrührende Text des letzten Liedes dieser CD, "Two silent watchers": Krenek vertonte ihn in einem sehr eigenwilligen, teils freien, teils dodekaphonen musikalischen Idiom; faszinierend prägnant, expressiv und, auf verschiedenen Ebenen vom Spiel mit der reinen Lautlichkeit bis hin zum Erspüren der Bedeutung zwischen den Zeilen – sehr nahe am Text. Letzteres verbindet dieses späte Werk mit frühen Kompositionen wie dem Monolog der Stella, einer "Konzertarie" nach Goethe, die in einer ganz tonal basierten, aber harmonisch dennoch sehr extravaganten und ereignisreichen Tonsprache komponiert ist: Auch hier fängt die Gesangsstimme, viel stärker freilich noch als in "Two silent watchers" unmittelbar vom ideensprühenden Klaviersatz unterstützt, die Nuancen des Textes auf unerhört kreative und unterhaltsame Weise ein.
Die Sopranistin Ilana Davidson erweist sich als dieser Musik durchaus gewachsen, wenn neben kleineren sprachlichen Barrieren auch gelegentlich stimmliche Grenzen hörbar werden: Silbrig hell und reich an Vibrato führt sie ihr Material; es fehlen dunklere Farben, und in der Vollhöhe stechen gelegentlich etwas schrille Töne hervor. Allerdings macht die Sängerin solche Mängel wett durch eine höchst engagierte, überzeugende und bis in Detail wohl durchdachte Interpretation; hervorragend begleitet wird sie von Debra Ayers, mit der sie ein perfektes Team zur optimalen Umsetzung von Kreneks nicht unkomplizierter Musik bildet. Eine Bereicherung für das Liedrepertoire auf CD, ein Muss für jeden, der sich für das Liedschaffen des 20. Jahrhunderts interessiert.

Michael Wersin, 20.08.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top