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Orlando di Lasso

Lagrime di San Pietro, Melancholia

Ensemble Hofkapelle, Michael Procter

Christophorus/Note 1 CHR 77255
(76 Min., 10/2001) 1 CD

Zwei nichtliturgische Spätwerke des berühmten Münchner Hofkapellmeisters, die von seiner Umkehr zu tiefgründiger Gläubigkeit in fortgeschrittenem Alter zeugen: In den "Lagrime di San Pietro" werden mit exzessiver Ausführlichkeit die inneren Leiden des Heiligen Petrus nach seinem Verrat an Jesus Christus thematisiert, und der wohl von Lasso selbst zusammengestellte Text der "Melancholia" ist im Wesentlichen eine Kompilation von Bibelzitaten zum Thema Sünde, Gottesfurcht, Vergänglichkeit und Tod. Beide Textzyklen vertonte Lasso kurz vor seinem Tod mit aller ihm zu Gebote stehenden Kunstfertigkeit der musikalischen Versinnbildlichung außermusikalischer Inhalte. Weil solche "Madrigalismen" dem heutigen Hörer nicht mehr unmittelbar zugänglich sind, zumal noch die Barriere des italienischen bzw. lateinischen Textes ein direktes Verständnis erschwert, erweist sich Michael Procters umfassender und kompetenter Einführungstext im Beiheft als sehr hilfreich: Für die "Lagrime" listet er die wichtigsten rhetorisch-musikalischen Figuren der einzelnen Sätze auf, und für die "Melancholia" liefert er weiterführende Stichworte zu den Zitaten.
Procters profundes Wissen über die beiden Werke korrespondiert auf fruchtbare Weise mit seinem ausgeprägten Gestaltungswillen als Leiter des Ensembles Hofkapelle: Ihm und seinen Sängern gelingt auf der Basis eines sehr tiefenscharfen und plastischen Klangbildes eine weitgehend brillante Wiedergabe der anspruchsvollen Stücke. Störend sind hin und wieder allenfalls kleine Intonationstrübungen, die häufig von den mit Countertenören besetzten beiden Cantus-Partien ausgehen; ebenfalls in diesem Bereich stört bisweilen auch ein etwas scharfer Stimmklang. Grundsätzlich legt Procter die Interpretation sehr legato an, wodurch zumindest manche der rhetorisch-musikalischen Figuren nicht mit allzu großer Deutlichkeit hörbar werden. Wie sehr die Wiedergabe von rhetorischen Momenten beherrscht sein sollte, sei dahingestellt und ist letztendlich sicher "Glaubensfrage"; Procter und seine Sänger jedenfalls legen großen Wert auf eine sehr klangsinnliche, dabei aber niemals undifferenzierte Wiedergabe und vertrauen darauf, dass strukturelle Elemente auch dann zur Geltung kommen, wenn man nicht immer direkt mit dem Finger darauf zeigt.

Michael Wersin, 31.01.2004



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