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Orlando di Lasso

Psalmi Davidis Poenitentiales

Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

harmonia mundi HMC 901831.32
(140 Min., 8/2003 - 8/2004) 2 CDs

Die "Bußpsalmen" sind ein hervorragendes Beispiel für Lassos Kunst, auf Basis der komplexen Tonsprache der Vokalpolyfonie einerseits durch dezente, manchmal eher atmosphärisch denn konkret wahrnehmbare musikalische Mittel den Text optimal zur Geltung zu bringen, andererseits aber auch über weite Strecken eine faszinierende meditative Ruhe zu erzeugen. Die Grundstimmung bewegt sich zwischen Zerknirschung und Hoffnung; kein aggressiver Ausbruch, kein leidenschaftliches Auffahren stört die konzentrierte, beherrschte Ausdrucksdichte: Es ist ein Weg nach innen, der hier beschritten wird.
Herreweghe und seine Sänger bieten eine insgesamt zufriedenstellende Interpretation der "Bußpsalmen": An der Intonationsreinheit ist nur selten einmal etwas auszusetzen, der Gesamtklang sowie derjenige der einzelnen Register - Lasso arbeitet nicht nur mit dem Tutti, sondern auch mit Hoch- und Tiefchoreffekten - ist warm, weich und ausgewogen. Was man allerdings vermisst, ist jene messerscharfe Kongruenz in Artikulation und Klangfarbe, die bei den guten englischen Ensembles zu noch bestechenderer Homogenität führt und durch Stringenz und Intensität eine unwiderstehliche Sogwirkung auf den Hörer entfaltet. Nicht optimal genutzt wurde in diesem Zusammenhang auch das stimmliche Potential: Liest man in der Besetzungsliste einen Namen wie Dorothee Mields, dann würde man sich wünschen, dass die betörende Klangfarbe, die diese Sopranistin gewöhnlich zu bieten hat, bei einer Besetzung von nur zwei bis drei Sängern pro Stimme noch stärker im Gesamtklang zum Vorschein kommt. Freilich, Vokalpolyfonie ist eine eminent objektive Musik, aber sie lebt in der Ausführung idealerweise dennoch von jenem Potential an sinnlicher Schönheit, das die einzelnen Sänger - selbstverständlich im Rahmen einer unprätentiösen, vibratoarmen, auf den Ensembleklang und den Textausdruck hin orientierten Singweise - einzubringen haben. Das zutage Treten solches individuellen Kapitals im Dienste einer Veredelung des Gesamtbildes sollte ein Dirigent fördern und nicht bremsen.

Michael Wersin, 18.03.2006



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