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Orlando di Lasso

Oracula

Ensemble Daedalus, Roberto Festa

Alpha/Note 1 095
(57 Min., 3/2005) 1 CD

Anhand zweier vierstimmiger Zyklen Orlando di Lassos verschafft das Ensemble Daedalus dem Hörer einen Eindruck von der Vielfalt der Möglichkeiten musikalischer Textvermittlung, die dem diesbezüglich superb begabten Münchner Hofkomponisten zu Gebote standen: In den neun Hiob-Lesungen von 1582 ("Lectiones Sacrae Novem, ex libris Hiob excerptae") beschränkt sich Lasso über weite Strecken auf eine rein syllabische Textvertonung in akkordischem, also weitgehend homofonem Satz. Dabei gewichtet er den Silbenfluss des Textes allerdings sehr differenziert einerseits durch die ausgeklügelte rhythmische Struktur der Akkordfortschreitungen, andererseits auch durch die Wahl der aneinandergereihten Akkorde selbst. Zusätzlich erfahren hin und wieder einzelne wichtige Worte melismatische Entfaltung. Genial einfach und doch andererseits höchst kunstvoll elaboriert ist diese scheinbar so nah am gesprochenen Vortrag entwickelte Kompositionstechnik, die bei intonationsreinem, homogenen Vortrag gerade wegen ihrer klaren harmonischen Struktur auch des klanglichen Reizes nicht entbehrt. Komplexer als diese Hiob-Lektionen sind die um 1600 entstandenen "Prophetiae Sibyllarum" (Vertonungen von Prophezeiungen der zwölf antiken sibyllinischen Orakel) ausgeführt: Ihr Satz ist prinzipiell polyfoner, häufig in der für Lasso typischen Versetzung einer gegen die drei übrigen Stimmen, und der Affektgehalt des Textes wird wesentlich stärker durch musikalische Mittel - vor allem auf harmonischer und auf melodischer Ebene - versinnbildlicht. Der Fremdheit der Texte (die sibyllinischen Prophetien sind natürlich kein liturgisches Repertoire) entspricht auf musikalischer Ebene außerdem eine für die damalige Zeit gerade unerhörte Chromatisierung des Satzes.
Eine breite Palette interpretatorischer Herausforderungen bietet diese Musik also für jedes Ensemble, das sich mit ihr auseinandersetzt. Die Sängerinnen und Sänger von Daedalus gehen couragiert und auf hohem Niveau mit ihnen um, und der Gruppe gelingt eine durchaus reizvolle, teils mitreißende Darbietung der Stücke. Allerdings gibt es auch Probleme: Die sprachliche Prägnanz leidet ein wenig darunter, dass im Sopranbereich trotz der nicht allzu hohen Lage immer wieder Vokale verfärbt werden. Beim gemeinsamen Einsätzen sprechen ferner nicht immer alle Stimmen wirklich gleichzeitig an, gelegentlich gibt es auch leichte initiale Unsauberkeiten beim Einschwingen der Klänge. Nicht übermäßig tragisch sind diese Aspekte, aber im Vergleich mit Spitzenensembles (vor allem solchen englischer Provenienz) machen sie doch einen deutlich wahrnehmbaren Niveauunterschied aus.

Michael Wersin, 10.11.2006



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