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Diverse

Elisabeth Schwarzkopf. A Self-Portrait

Elisabeth Schwarzkopf

EMI 492 852 9
(57 Min., 1995) 1 DVD, PAL 4:3, Disc-Format DVD 5

Eher zwiespältig nimmt man als heutiger Musiker und Musikhörer Elisabeth Schwarzkopfs akustische Hinterlassenschaft wahr, besonders wenn man sie und ihre Zeit nicht mehr selbst kennen gelernt hat: Man erlebt eine klanglich sicher außergewöhnliche, prinzipiell sehr ansprechende Sopranstimme, die jedoch durch Interpretations-Gepflogenheiten, die man eigentlich nur als Manierismen teils schlimmster Ausprägung bezeichnen kann, immer wieder in ein ungünstiges Licht gerückt wird. Fatalerweise geschieht das aber nicht bei allen ihren Aufnahmen: Was in den ersten 25 Minuten dieses Filmporträts erklingt, ist weitgehend sehr schön. Dann aber kommen die kaum erträglichen Dinge: Dialektlieder geraten in einen Spagat zwischen bodenständigem Inhalt und Sprachduktus einerseits und aberwitziger Klangfärberei mit entsprechender Grimassierung andererseits, und man kann sich nicht erklären, wie nun so ein einfaches Mädel, das hier zu Wort kommen soll, gleichzeitig so entsetzlich künstlich sein kann. Am Klavier jedoch sitzt Gerald Moore, der größte aller Begleiter des 20. Jahrhunderts, und man weiß, dass er die Schwarzkopf zu seinen drei Lieblingssängern zählte ... Was würde ich darum geben, ihn noch dazu befragen zu können.
Und schon sind wir mitten in der Problematik, die diese DVD, ungewollt sicherlich, vor dem Zuschauer ausbreitet: Frau Schwarzkopf porträtiert sich hier selbst; sie kommentiert Filmaufnahmen aus ihrer Karriere, ohne jedoch vor die Kamera zu treten - sie will mit Rücksicht auf ihr Alter nicht noch einmal gesehen werden, wie sie am Ende offen zugibt. Zur Sprache kommt vieles und doch vielleicht auch nichts: Einige Bemerkungen am Anfang sind wohl als Antwort auf die nie verstummenden Vorwürfe zu verstehen, die ihr wegen ihrer beginnenden Karriere in Nazi-Deutschland gemacht werden. Ihr Vater habe sie von der Politik vollkommen fern gehalten, sagt sie, und ferner, eine Sängerin müsse singen, solange ihre Stimme funktioniert, denn danach sei es zu spät. Später tritt der EMI-Produzent Walter Legge, ihr Ehemann, ins Geschehen ein. Elisabeth Schwarzkopf war sein Produkt, mit ihm als Mentor begann ihre große Karriere. Er hat mit ihr Stunden um Stunden an einzelnen Gesangsphrasen gefeilt, war ein unvorstellbar harter und unerbittlicher Kritiker. Sie muss begeistert von ihm gewesen sein, aber für den Außenstehenden ergibt sich das Bild einer entsetzlich ungemütlichen Liaison. Und wie vergänglich, man muss es leider sagen, ist letztendlich das künstlerische Ergebnis: Ob er sie dazu gebracht hat, Richard Strauss' wundervolles Lied "Morgen" sprachlich so zu malträtieren, dass man kaum noch ein Wort versteht?
Nur wenige Künstler vermögen so zu polarisieren, nicht etwa nur die Gesamtheit ihres Publikums, sondern auch den Einzelnen: Gelungenes und Groteskes liegen ebenso nah beieinander wie Sympathisches und Unsympathisches. Aber faszinierend ist diese Künstlerbiografie zweifellos, wenn auch immer wieder mit sehr kühlem Unterton ... Man mache sich einfach selbst ein Bild davon, es lohnt sich.

Michael Wersin, 10.05.2003



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