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Frédéric Chopin, Franz Liszt, Carl Tausig

Ballades

Joanna Michna

Elisio/MVH ECD-1617
(73 Min., 6/2007) 1 CD

Wenn man Joanna Michnas Interpretation der sechs großen romantischen Balladen (vier von Chopin, zwei von Liszt) lauscht, dann sorgt das schon für Verwunderung. Kann es sein, so fragt man sich, dass diese Werke im Laufe der letzten Jahrzehnte so sehr vom üblichen virtuosen Tastenfutter aufgesaugt wurden, das sich ja gerade in Liszts Oeuvre geradezu im Übermaß findet? Dass man gewissermaßen alles in einen Topf geworfen und verlernt hat, auf die epischen Erzählqualitäten zu achten, die gerade die Form der Ballade ja nahelegt? Sicher: Dass Chopin, der "Erfinder" der Ballade als Instrumentalwerk, die genauen poetischen Hintergründe seiner Werke im Ungewissen lässt, gehört zur romantischen Ästhetik. Genauso bei Liszt: Wovon die Werke "handeln", weiß trotz vieler Spekulationen niemand genau. Aber gerade dann muss man als Pianistin das Wagnis eingehen, voll und ganz als "Erzählerin" aufzutreten. Und genau dies tut Joanna Michna. Sie pflegt dabei den Gestus der Langsamkeit, der Konzentration, übt sich im Verweilen in kleinen oder großen Episoden, schöpft Spannung aus Momenten, scheint manches (etwa die Walzeranklänge am Beginn von Chopins Ballade Nr. 2) zu zitieren, um anderes heraufzubeschwören. Das könnte leicht zulasten der Gesamtform gehen: Das gesangliche Thema, in das Liszts h-Moll-Ballade nach Irren und Wirren wie in einem Erlösungsmoment mündet, gestalten viele Pianisten zum Beispiel wie einen großen Höhepunkt, eine triumphale Coda, als Ziel einer Wanderung. Bei Joanna Michna wirkt es eher wie der letzte Faden der Erzählung, der noch einer ordentlichen Verknüpfung bedarf. Aber überzeugend ist der Weg der Pianistin allemal – weil er nun einmal konsequent ist und sich voll und ganz mit der Absicht der Komponisten deckt. Zu dieser Haltung passt auch, dass sich die Pianistin, wie in einer Bemerkung im Beiheft erklärt, für die Chopinausgabe von Jan Ekier einsetzt. Die Veröffentlichung erhält besondere Bedeutung durch eine Rarität: Die Ballade "Das Geisterschiff" aus der Feder des Lisztschülers Carl Tausig (1841-1871) scheint einem ähnlichen Stoff zu folgen wie Wagners "Fliegender Holländer"; leider fehlt der zu Grunde liegende Text im Booklet. Schade, denn gerade in diesem Fall ist ja die Bedeutung der Musik verbürgt, und das Gedicht gehört gewissermaßen zum Stück.

Oliver Buslau, 11.01.2008



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