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Johannes Brahms, Max Reger, Reinhard Febel, Johann Sebastian Bach

Choral préludes

Yaara Tal, Andreas Groethuysen

Sony BMG 88697 12146-2
(64 Min., 6/2004, 2/2005) 1 CD

Einmal mehr greifen Yaara Tal und Andreas Groethuysen in die große Kiste jenes Repertoires für Klavierduo, das die hohe Bedeutung des Klaviers als Multiplikator und Katalysator für eigentlich zunächst anderen Instrumenten zugedachte Musik dokumentiert: Bearbeitungen von Choralvorspielen für Orgel sind im vorliegenden Album das Thema. Im Zentrum steht Max Regers große Choralfantasie über "Freu dich sehr, o meine Seele", die er selbst für Klavier zu vier Händen bearbeitete; diese Version blieb allerdings bis zum Jahre 2004 ungedruckt und erklingt hier – wie auch alle anderen Werke dieses Programms – erstmals auf CD. Johannes Brahms’ "Elf Choralvorspiele für Orgel op. posth. 122" wurden von Eusebius Mandyczewski schon im Zuge der Drucklegung der Originalfassung (1902) für Klavier zu vier Händen bearbeitet – eine Praxis, die auch Brahms selbst pflegte, um seine Werke im privaten heimischen Bereich aufführbar zu machen und damit ihre Popularität zu befördern.
Im Jahre 2000 bearbeitete Reinhard Febel sieben Choralvorspiele von Johann Sebastian Bach – und diesen Teil des Programms würde der Rezensent vielleicht am ehesten mit einem Fragezeichen versehen wollen: Febel übertrug die Stücke nämlich nicht einfach aufs Klavier, sondern griff in deren Substanz ein. Dies sei ihm prinzipiell unbenommen, es ist keineswegs illegitim, Präexistentes auf diese Weise weiterzuentwickeln. Allerdings sind Febels Eingriffe einerseits so peripherer Natur, dass sie die Substanz als solche gar nicht berühren, andererseits aber streckenweise wiederum so prägnant und deutlich vernehmbar, dass sie im Klangergebnis doch als Eingriff erlebt werden. Kurzum: Wenn Febel einfach z. B. den Cantus firmus im Verlauf des Stückes durch verschiedene Oktaven wandern lässt oder ihn durch hinzugefügte mixturenartige Parallelstimmen in hoher Lage verfremdet, dann verschwimmen die Grenzen zwischen simpler Übertragung auf ein anderes Instrument und tatsächlicher Bearbeitung in verwirrender Weise – zumal der Zusammenhang der Eingriffe Febels mit der eigentlichen Aussage der Stücke vor dem Hintergrund des jeweiligen Chorals nicht deutlich wird. Man könnte Febels Tätigkeit vielleicht am ehesten als "Verfremdung" kennzeichnen; aber wozu dient diese, welches Ziel verfolgt sie?
Abgesehen von dieser Problematik darf das Spiel des bewährten Klavierduos als solches einmal mehr als großartig bezeichnet werden: Besser als Tal & Groethuysen kann man wohl kaum aufeinander abgestimmt sein. Gefährlich wäre nur, wenn die beiden mit ihren Veröffentlichungen in eine Repertoirenische geraten würden: Musik wie die hier exponierte hört man freilich immer als Bearbeitung, und deren ästhetischer Eigenwert muss – unbeschadet ihrer noch so kunstvollen Faktur – von Fall zu Fall wieder auf den Prüfstand.

Michael Wersin, 11.01.2008



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