Water Alert

Henri Texier, Strada Sextet


Label Bleu/Harmonia Mundi 6698
(56 Min., 4/2006) 1 CD

Wasser ist ein wertvoller Rohstoff. Spielt der Titel der CD darauf an? Oder droht eine Überschwem-mung mit Tönen? Der Booklettext verweist auf die Gefahren der Vergiftung des Wassers. Dennoch sind beide Interpretationen denkbar, denn der Bassist Henri Texier hat eine Band um sich geschart, die mit immenser Wucht Töne sprüht. Henri Texier prägt mit dem oft nach vorn gemischten Kontra-bass den Klang. Ansonsten lässt sein Sextett in ein buntes Kaleidoskop der Stile blicken. Dabei unter-nimmt das Sextett eine Weltreise, die von afrikanischen Rhythmen über Reggae bis zum Walzer reicht. Christophe Marquet schlägt stellenweise archaische Trommelrhythmen, und die drei Bläser, der Klarinettist Sébastien Texier, der Baritonsaxofonist Francois Corneloup und der Trompeter Guéorgui Kornazov blasen Melodien, die bei der Themenvorstellung so eingängig wie Volkslieder wirken, aus denen sich komplexe Improvisationen entwickeln. Der Gitarrist Manu Codjia vereint alles in seinem Spiel, was für Elektrogitarre entwickelt wurde: Süffige Bluescluster, Hard Rock, Souljazz, No Wave, Noise, Free Funk und afrikanische Lockerheit. In den zwölf Songs hat es gelegentlich kurze Passagen, die free wirken. Ansonsten dominieren diszipliniert interpretierte Arrangements. Denn das Wasser, das ist in jedem Song spürbar, vermittelt unbedingte Lebenskraft.

Werner Stiefele, 11.01.2008


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Wie ein Zündhölzchen wirkt, was 1712 der Hamburger Ratsherr und Kaufmannssohn Barthold Heinrich Brockes in Form seiner geistlichen Passionsdichtung in das kreative Pulverfass der Hamburger Gänsemarktoper wirft. "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS", später nur noch griffiger "Brockes-Passion" genannt, trifft den Nerv der Zeit. Die Mischung aus drastischer Passionsschilderung (die den nüchternen Bibelbericht publikumswirksam mit gruseligen Details anreichert) und Arientexten (die das Geschehen theologisch sattelfest in Allegorien aufschlüsseln und leidenschaftlich Stellung zu den Vorgängen beziehen) wirkt wie eine Steilvorlage für die Musiker, die sich um Reinhard Keiser an der ersten deutschen Bürgeroper versammelt haben. Johann Mattheson macht daraus einen Kompositionswettbewerb und fordert auch Georg Philipp Telemann in Frankfurt und Georg Friedrich Händel in London auf, sich mit einem Oratorium auf Brockes' Text zu beteiligen und sich mit Keisers Version von 1712 zu messen. Auch Johann Sebastian Bach, der in Leipzig nicht nur geografisch, sondern auch theologisch sehr weit vom liberalen Hamburg entfernt lebte, bediente sich in seiner Johannes-Passion kräftig an den zündenden Sprachbildern des Hamburger Senators. Peter van Heyghen und seinem Ensemble Les Muffatti ist nun mit Reinhard Keisers Werk, sozusagen der Mutter aller Brockes-Passionen, eine interpretatorisch souveräne Aufnahme gelungen, die den Hörer anspringt und mit ihrem leidenschaftlichen Musizieren ins Geschehen zieht. Der Vergleich mit den späteren Versionen zeigt, welche starke Ausstrahlung der Bühnenmensch Keiser bis in Details der Melodiefindung und der Affektgestaltung auf den Stil der jungen Komponisten hatte, allen voran Georg Friedrich Händels.