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Franz Schubert, Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms

Sonatine in g-Moll, Chaconne in d-Moll, Adagio in E-Dur KV 261, Rondo in C-Dur KV 373, Scherzo aus der FAE-Sonate

Isaac Stern, Alexander Zakin

VAI/Codaex 4368
(57 Min., 2/1967) 1 DVD

Ein Gefühl der Wehmut bleibt nicht aus beim Ansehen eines Dokuments wie diesem: Live aus Radio- oder Fernsehstudios in den Äther geschickte kleine Konzerte mit leicht verdaulichen klassischen Programmen waren bis vor nicht allzu langer Zeit Bestandteil des selbstdefinierten Bildungsauftrags der Rundfunkanstalten und brachten ein "allgemeinverständliches" Repertoire unkompliziert unter die breitere Masse. Spitzenkünstler wie Isaac Stern erreichten u. a. auf diese Weise wahrscheinlich eine höhere Popularität als heutige Shooting-Stars der Klassikszene, die mit millionenschwerem Werbeaufwand zu Pop-Ikonen hochstilisiert werden (neulich konstatierte ein Journalistenkollege: "Zur Firma XY brauchen Sie keine Probenaufnahmen eines Newcomers, sondern nur ein Foto schicken."). Soviel zu den Rahmenbedingungen der vorliegenden Produktion; die künstlerische Bewertung aus heutiger Sicht muss freilich noch einmal eine andere Perspektive einnehmen - und vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob Isaac Sterns Ausnahmekönnen gerade in der vorliegenden Aufnahme wirklich optimal zum Tragen kommt. Gerade Bachs Chaconne für Violine solo aus der d-Moll-Partita, die den Mittelpunkt des Programms bildet, ist in einer so hemmungslos romantisierenden Interpretation, die aus dem armen Werk quasi eine dramatische Szene macht, nicht mehr so recht genießbar; die schweißgetränkte Betroffenheit, mit der Stern nach diesem Stück seine Zwischenmoderation vor dem Beginn des zweiten Teils der Übertragung einleitet, bildet übrigens eine launige Entsprechung zu dieser Aufführungspraxis. Aus einem ganz anderen Grund will uns heute Franz Schuberts "Sonatine g-Moll" - Schubert, verzeih’ mir - nicht mehr so ganz besonders gut gefallen: Haben wir dieses an sich schon recht wenig raffinierte Stück nicht unzählige Male in Schülervorspielen und ähnlich laienhaften Veranstaltungen hingerichtet gehört? Vielleicht würde heutzutage ein vergleichbares Programm nicht mehr mit diesem Stück beginnen. Interessanter wird es bei den beiden Mozart-Sätzen (Rondo in C-Dur KV 373, Adagio in E-Dur KV 261), in denen trotz eigentümlich steifer, in ihrem unbezwinglichen Ernst fast biederer Darbietung (vermutlich würden weder Stern noch sein Begleiter Alexander Zakin bei der o. g. Plattenfirma XY heute einen Vertrag bekommen) Sterns wundervoller Violinton hervorragend zur Geltung kommt; gleiches gilt für das abschließende Scherzo von Brahms aus der "FAE-Sonate". Insgesamt jedoch, das sei nochmals betont, gibt es Dokumente (etwa Einspielungen von großen romantischen Violinkonzerten oder auch von Musik aus dem 20. Jahrhundert), die Isaac Sterns Bedeutung weitaus bezwingender vermitteln als diese Rundfunkübertragung.

Michael Wersin, 15.12.2006



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