Einige Merkwürdigkeiten begleiten dieses Debüt-Rezital des chinesischen Tenors Yu Quiang Dai: Es wurde bereits im Jahre 2001 mit einem No-Name-Orchester produziert und gelangt nun ohne jeglichen Presserummel auf den Markt; der Name des Sängers, in die einschlägigen Internet-Suchmaschinen eingegeben, liefert nicht einmal eine Hand voll Ergebnisse (man versuche es zum Vergleich mal mit dem Stichwort "Netrebko"!). Zwei der Links führen zur EMI-Classics-Seite, die allerdings unter den Punkten "Termine", "Biografie" und "Info" schlichtweg keine Informationen anbietet. Wer ist dieser geheimnisvolle Sänger, der, so ist im Beiheft zu erfahren, mit Frau und Tochter in Peking lebt und sich in China breiter Bekanntheit erfreut?
Dais Stimme erweist sich - soweit sich das mittels einer CD beurteilen lässt - als außergewöhnlich kraftvolles, technisch weitgehend sehr gut geführtes Material. Lauscht man seiner Interpretation von Puccinis "Nessun dorma", dann glaubt man das überaus elektrisierende Erlebnis zu haben, den jungen Pavarotti - Dais Timbre erinnert tatsächlich hier und da an dasjenige des großen Italieners - ohne den geringsten Anflug von stimmlicher Enge das hohe H erklimmen zu hören. Etwas hölzern hingegen wirkt Verdis "La donna è mobile", und in Donizettis "Una furtiva lagrima" verreißt Dai nach mancher Ungeschicklichkeit in puncto Intonation und Linienführung überflüssigerweise den kleinen Pralltriller am Ende der ersten Strophe. Gut gelingt ihm hingegen Puccinis "Che gelida manina": Ohne Mühe spannt er die großen Legato-Bögen und füllt sie dank seiner reichen stimmlichen Substanz mit Leben; ein offenes und volltönendes hohes C krönt schließlich diese Arie. Bleibt abzuwarten, ob Yu Quiang Dai nun in Gesamtaufnahmen erscheinen wird, ob die Presse demnächst mehr Notiz von ihm nimmt - derweil bleibt sein plötzliches Erscheinen etwas geheimnisvoll.

Michael Wersin, 25.09.2004



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