Eine offenbar problemfrei funktionierende, technisch blitzsauber geführte lyrische Tenorstimme mit stupender Koloraturfähigkeit und außergewöhnlicher Höhensicherheit prädestiniert Juan Diego Flórez zum Spezialisten für frühromantisches italienisches Koloraturrepertoire - ein Genre, innerhalb dessen er sich bisher hauptsächlich und mit großem Erfolg bewegt hat. Jedoch: Schon rein musikalisch entbehrt ein langes Künstlerleben allein mit Rossini, Donizetti und Bellini der neuen Herausforderungen und Reize, und eine Erweiterung des Horizonts wird für Flórez unabdingbar sein. In welche Richtung er sich diesbezüglich möglicherweise orientiert, deutet das Programm seines neuen Rezitals an: Giuseppe Verdi ist hier nicht nur mit einer frühen, Donizetti-nahen Arie aus "Un giorno di Regno" vertreten, sondern auch mit "La donna è mobile" aus "Rigoletto". Ein Experiment, das Flórez - zumindest im Studio - durchaus geglückt ist, denn der scheinbar unverwüstliche metallische Kern seiner freilich nicht allzu großen Stimme hält auch dem freilich sehr maßvoll dosierten breiteren Klangstrom statt, der hier passagenweise erforderlich wird.
Noch weiter voran wagt sich Flórez mit der Arie des Riniuccio aus Puccinis "Gianni Schicchi". Auch hier besticht die Intensität, das permanente innere Beben seines Timbres, und mit optimaler Fokussierung kann er dieses Stück bewältigen - wenn er auch im Vergleich etwa mit Domingos Version des Stücks natürlich ein (ganz reizender) Micky-Maus-Rinuccio bleibt.
Diese und andere Ausflüge in neue Gefilde garniert Flórez natürlich wieder mit einigen Bravournummern aus Rossini- und Donizetti-Opern: Wer möchte sie missen, die mühelosen Koloraturen, die elektrisierenden Spitzentöne? Wenn Flórez mit Geduld und Besonnenheit nach neuen Ufern strebt und sich nicht zu Unvernünftigkeiten hinreißen lässt, wird er sein Publikum noch lange Zeit begeistern.

Michael Wersin, 27.11.2004



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