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Heinrich Albert, Johann Krieger, Andreas Hammerschmidt u.a.

Deutsche Barocklieder

Annette Dasch, Mitglieder der Akademie für Alte Musik Berlin

harmonia mundi HMN 911835
(66 Min., 7/2004) 1 CD

Unter dem Begriff "Liedgesang" subsumiert der Konzertbesucher Darbietungen romantischer Kunstlieder; als - in der Regel weniger elaborierte - Vorläufer dieser etablierten Gattung werden Klavierlieder der Klassik betrachtet. Davor wiederum verlieren sich scheinbar die Spuren des Liedes. Kurz gesagt: Das barocke Generalbasslied spielt so gut wie keine Rolle im Konzertbetrieb, obwohl sein überaus reiches Repertoire weit mehr bietet als etwa nur ein hölzern-betuliches Vorgeplänkel zum Klavierlied des 19. Jahrhunderts. Annette Dasch und einige Instrumentalisten beweisen auf der vorliegenden CD, dass die Gebundenheit an den Basso Continuo weder eine Einschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten bedeutet noch etwa gleich einen ariosen Charakter bedingt. Vielmehr lässt es sich zur Begleitung eines Cembalos, einer Laute oder einer Truhenorgel sehr kammermusikalisch und intim singen: Dabei kann, wie in Dedekinds "Alles Ding vergeht geschwinde", die Vergänglichkeit alles Irdischen thematisiert werden (bekanntermaßen ein beliebter Topos der barocken Dichter), es kann aber auch ganz diesseitig um Hingabe an den Geliebten oder, überraschend derb, um den Selbstekel einer moribunden alten Jungfer gehen: Mit dem Ausruf "Ich armer Madensack!" beginnt Heinrich Alberts launig-verzweifeltes Memento mori.
Die 1976 geborene Sopranistin Annette Dasch, bisher keine übermäßig bekannte Größe des Barockgesangs, nimmt sich der Lieder mit ausgeprägtem Aussagewillen an: Routiniert, aber gänzlich unverbraucht präsentiert sie die Texte und die durch sie inspirierten verschlungenen Melodien, die gelegentlich auch in Koloraturen oder rezitativische Passagen übergehen oder nach Auszierung verlangen. Niemals fallen dabei die Worte der Kantilene zum Opfer, niemals leidet umgekehrt der Gesang unter der Deklamation. Begleitet wird sie höchst professionell von Barock-erfahrenen Mitgliedern der Akademie für Alte Musik Berlin auf historischen Instrumenten. Eine junge Interpretin mit charakteristisch timbrierter, geschmeidiger Stimme in höchst versiertem instrumentalen Umfeld - etwas Besseres konnte dieser unbedingt hörenswerten Musik nicht wiederfahren.

Michael Wersin, 22.01.2005



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