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Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Isaac Albéniz u.a.

Daniel Barenboim - 50 Years On Stage

Daniel Barenboim, div. Orchester und Solisten

EuroArts Arte Edition/Naxos 2050429
(230 Min., 8/2000) 90 Min. (Porträt), 140 Min. (Konzert); PAL, Format 16:9

Die Musikkritik ist in den letzten Jahren nicht nett zu Daniel Barenboim gewesen: Immer wieder wurde sein Klavierspiel als unorganisch und technisch mängelbehaftet gerügt, viele seiner CD-Projekte wurden für überflüssig erklärt, und nicht zuletzt geriet er durch ein Geschäftsgebaren, das eine ausgeprägte Hybris in Verbindung mit allzu üppigen Gehaltsforderungen offenbarte, häufig in Misskredit.
Das vorliegende Porträt bietet indes ein differenzierteres Bild: Tatsächlich enthält das hier in voller Länge zu erlebende Klavierrezital, das Barenboim 2000 in Buenos Aires anlässlich seines fünfzigjährigen Bühnenjubiläum gab, Überzeugendes und weniger Gelungenes auf engem Raum: Etwas holzschnittartig, aber doch inspiriert Mozarts C-Dur-Sonate KV 330, zumindest streckenweise brillant und mitreißend Beethovens Appassionata, oft unorganisch und wenig nuanciert leider Albéniz’ Iberia I und II: Barenboims einstmals durchaus bewundernswertes Klavierspiel trägt mittlerweile kapellmeisterhafte Züge; dem durch orchestrales Denken generierten Farbenreichtum, der seit jeher zu seinen positiven Aspekten gehört, hat sich eine gewisse routinierte Unbekümmertheit beigesellt, die technische Schwächen mittels offensiver Grobheit zu kaschieren versucht.
Das Filmporträt hingegen, das Barenboim u.a. nach Buenos Aires, nach Jerusalem, nach Chicago und nach Berlin begleitet, evoziert das Bild eines ausgesprochen integren, mit unbestechlicher Präzision probenden Dirigenten, der sich darüber hinaus hinter der Bühne und auch privat sehr kollegial und freundschaftlich gibt. Sein unermüdliches Arbeiten auf dem ganzen Globus - dem wohl die pianistische Sensibilität zum Opfer gefallen sein muss - erweist sich als geprägt von hohen Idealen: Höhepunkte des Porträts sind die Arbeit mit einem internationalen Jugendorchester in Weimar, innerhalb derer u. a. Israelis und Palästinenser im selben Pult zumindest in der Musik zueinander finden, und jene skandalträchtige Wagner-Zugabe im Jahre 2001 in Jerusalem: Der ungeheure Mut, mit dem Barenboim dem Publikum nach einem gelungenen und bejubelten Konzert das Tristan-Vorspiel und den Liebestod als Zugaben anbot, lässt einen vor Ehrfurcht erstarren. 45 Minuten geduldiges Diskutieren mit teilweise höchst erregten und ausfallenden Zuhörern und die Saalflucht von (immerhin nur) etwa zehn Prozent der Anwesenden waren durchzustehen, bevor Barenboim dann tatsächlich die angekündigten Stücke zum Erklingen brachte. Allein die ausschnittsweise Wiedergabe dieses Ereignisses - man mag es beurteilen, wie man will - macht das vorliegende Filmporträt zu einem sehenswerten Zeitdokument, dessen Hauptdarsteller ein in mancher Hinsicht sicher angreifbarer, aber darum insgesamt nicht weniger beeindruckender Künstler ist.

Michael Wersin, 22.01.2005



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