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Alexander Agricola, Ludwig Senfl, Heinrich Isaac, Antoine de Févin

Die Spinne im Netz - Musik aus Nürnberger Drucken des 16. Jahrhunderts

Musicke & Mirth, Julian Podger

schola cantorum basiliensis edition, Raumklang RK 2305 (harmonia mundi)
(59 Min., 5/2002, 6/2002) 1 CD

Wie eine Spinne im Netz lag die Reichsstadt Nürnberg schon seit dem Mittelalter im Schnittpunkt wichtiger Handelswege, und der Volksmund scheint diese für das Wohlergehen der Stadt vorteilhafte Position später mit eben jener eigentümlichen Redewendung, die der CD ihren Titel gibt, umschrieben zu haben. Als Metropole zog Nürnberg selbstverständlich auch Künstler und Kunsthandwerker an, und so verwundert es nicht, dass dort im 16. Jahrhundert auch ein Zentrum des damals ganz neuen, aufstrebenden Notendrucks entstand. Consort-Musik aus solchen frühen Drucken hat sich das aus drei jungen Damen bestehend, 1997 in Basel gegründete Gamben-Ensemble Musicke & Mirth für das Programm dieser CD vorgenommen - genauer gesagt handelt es sich um kunstvolle Liedsätze von Meistern wie Ludwig Senfl, Alexander Agricola oder Heinrich Isaac, die seinerzeit zu umfangreichen Sammlungen zusammengefasst wurden. Mit von der Partie sind der Lautenist Wim Maeseele und der Tenor Julian Podger.
Man muss sich diese intime Art des Musizierens im Streicherensemble, mit oder ohne Gesang, wohl u. a. als eine Beschäftigung des wohlhabenden Bürgertums vorstellen: Die einzelnen Partien des vorliegenden Repertoires sind nicht besonders schwierig (wenn sie auch den kundigen Interpreten hier und da zu virtuoser Diminution einladen), und die Ausstattung der damals in die Mode kommenden Gambeninstrumente mit Bünden erleichterte die Orientierung auf dem Griffbrett sowie die saubere Intonation. Die interpretatorisch vergleichsweise also einfachen Liedsätze erweisen sich jedoch als musikalische Kleinode, deren meisterhafte polyphone Faktur selbst bei begrenzter Stimmenzahl zu ausgesprochen dichten Klangergebnissen führt. Gespielt von so hervorragenden Musikerinnen wie den drei Damen von Musicke & Myrth offenbaren sie ihren ganzen Reichtum: Liebe zum Detail, optimales Ausspielen der Linien und perfekte Homogenität auf allen Ebenen bei einer der Stilistik angemessenen unprätentiösen interpretatorischen Grundhaltung machen diese Aufnahme zum wahren Genuss. Wim Maeseele und Julian Podger allerdings kommen leider nur recht selten zum Einsatz; warum fast alle Lieder instrumentaliter musiziert werden, geht aus der ausführlichen und kompetenten Einleitung nicht eindeutig hervor: Zwar wird deutlich, dass nicht alle der hier als Grundlage dienenden acht Druckausgaben auch die Texte der Lieder enthalten, aber gerade daher bleibt die Frage offen, warum die Stücke aus dem sorgfältig textierten Petreius-Druck von 1541 ohne Sänger musiziert werden.

Michael Wersin, 29.01.2005



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