Nur noch selten findet sie Zeit, um ihrer alten Heimat einen Besuch abzustatten. Wenn Anna Netrebko aber einmal wieder in St. Petersburg gastiert, dann ist Gala-Zeit. Offiziell zumindest. Denn 2003 feierte St. Petersburg seinen 300. Geburtstag. Und für das entsprechende Gala-Konzert wurden entsprechende russische Zug- und Fachkräfte eingeladen, um gemeinsam im Großen Saal der Petersburger Philharmonie eine Klassik-Party de Luxe zu feiern. Mit Solisten wie Mischa Maisky und Altmeister Viktor Tretyakov, mit dem Bariton Dmitri Hvorostovsky und gleich zwei Dirigenten. Der künstlerische Nährwert von solchen Who's Who-Veranstaltungen ist dabei nicht immer garantiert, denn oft genug zerfasert das Programm in schnell dahin geworfenen Repräsentationsdarbietungen. Orchesterstücke (u.a. die Polonaise aus Tschaikowskis Eugen Onegin), Arien von Donizetti bis Verdi sowie Instrumentalwerke von Saint-Saëns (Introduction u. Rondo capriccioso) bis Max Bruch bildeten daher ein buntes Programm - mit Höhen und Tiefen.
Bei dem DVD-Mitschnitt ging es bei Anna Netrebko reichlich tief bis zum Bauchnabel, bei ihrem großzügig aufgeknöpften Dekolleté. Doch von der atemberaubenden Klasse, mit der sie als Singschauspielerin ihre Krallen zeigen kann, war weder in der Kavatine "Regnava nel silenzio" aus Donizettis Lucia di Lammermoor etwas zu spüren, wie auch die Netrebko als Puccinis Musetta gerade in den Höhenlagen erstaunliche technische Defizite offenbarte. Was hingegen russische Frauenpower bedeuten kann, bewies die nicht nur in Deutschland sträflicherweise immer noch stiefmütterlich beachtete Pianistin Elisso Virsaladze. In Ravels Klavierkonzert für linke Hand lieferte sie sich mit den St. Petersburger Philharmonikern unter Nikolai Alekseev mit blitzender Akkuratesse, enormen Steigerungskurven und stählerner Brillanz einen kontrastreichen Wettkampf.

Guido Fischer, 12.02.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top