Und da ist sie wieder, diese marmorne Schwere, diese unverrückbare Massivität und übermäßige Größe. Gleich das "Introitus" von Mozarts Requiem misst Sergiu Celibidache in seiner schon fast gefürchteten Slow-Motion-Haltung aus, dass es schon einem Konditionswunder gleichkommt, wie Sopranistin Caroline Petrig das in Artikulation und Intonation porentiefrein durchhält. Ähnliche Höchstleistungen muss nicht weniger da der Chor bringen, damit dieses riesige Leidens-Gefüge nicht irgendwann wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Was zumindest für den unermüdlichen Schleifer Celibidache spricht, der von Beginn an jedem einzelnen Musiker der Münchner Philharmoniker eine neue Einstellung zum Tagesgeschäft vermittelte. Wie sich das in klingender Münze ausgezahlt hat, dokumentiert die zweite Staffel mit Live-Mitschnitten aus der Isar-Philharmonie. Bei Berlioz' "Le Carneval romain" fliegen die Funken und Farben nur so brillant quer durch die Orchestergruppen, wird Schostakowitschs 9. Sinfonie zur Lehrstunde, wie dreidimensional perfekt man das Grelle und Burleske zu Fassen bekommt.
Was jedoch schon für die erste Folge der postum veröffentlichten Celi-Aufnahmen galt, setzt sich jetzt bis auf wenige Ausnahmen in der 14 CD-starken Box fort. Zwischen handwerklicher Vorbildlichkeit einerseits und der prozessionshaften Durchdringung andererseits gibt es kaum Momente, wo für den musikalischen Atem ein entsprechendes Plätzchen gefunden wird. Gerade in den drei Requiems von Mozart, Verdi und Fauré herrscht eine Erstarrung vor, die schließlich in Bachs H-Moll-Messe gipfelt und dagegen Otto Klemperers Bach-Exegese fast wie ein Frühlingsgruß erscheint. Und wenn sich schon mal Esprit anbietet wie in den Ouvertüren eines Rossini, hängt Celibidache noch Bedeutungsgewichte ran und analysiert sie zu Tode. Aber immerhin hatte Sergiu Celibidache mit dem Münchner Publikum eine bedingungslose Gefolgschaft, die so reflexartig in Jubel-Arien verfiel, wie es die Berliner zu Lebzeiten Karajans taten. Die Ernüchterung, die sich aber mittlerweile angesichts des Erbes von Karajan eingestellt hat, dürfte bei seinem Antipoden Celibidache nicht lange auf sich warten lassen.

Guido Fischer, 19.02.2005



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