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Girolamo Frescobaldi, Giacomo Carissimi u.a.

Lamentazioni per la Settimana Santa

María Cristina Kiehr, Concerto Soave, Jean-Marc Aymes

harmonia mundi HMC 901952
(69 Min., 6/2006) 1 CD

Es sei einmal mit aller Deutlichkeit ausgesprochen: Die argentinische Sopranistin María Cristina Kiehr hat den Edelknödel im Alte-Musik-Gesang hoffähig gemacht; wie sie sich bei leicht fester Zungenwurzel virtuos sowohl die Vordersitzigkeit ihrer Stimme als auch die körperresonanzfördernde Offenheit ihrer Kehle bewahrt, um stets einerseits Flexibilität und Beweglichkeit, andererseits Klangfülle und -rundung zu gewährleisten, ist, unter gesangstechnischen Gesichtspunkten gehört, ein Abenteuer. Ebenfalls als abenteuerlich erlebt man die wohl u.a. daher rührende androgyne Qualität dieser Stimme, wie sie besonders in der Tiefe und in der Mittellage zum Tragen kommt – gelegentlich wähnt man nicht eine Sopranistin, sondern einen Countertenor zu hören. Das Schöne an María Cristina Kiehrs Gesang: All die beschriebenen Aspekte führen – von einem leichten Kehldruck, den empfindliche Hörer vielleicht dann und wann am eigenen Hals spüren, einmal abgesehen – zu einem wahrhaft beglückenden Gesamtergebnis. Kiehr bietet stets ein hohes interpretatorisches Niveau und reiche ästhetische Genüsse, enttäuscht kaum jemals. So verhält es sich auch mit ihrer vorliegenden Neuaufnahme, einer Kompilation früher italienischer Solo-Lamentationen u. a. von Carissimi und Frescobaldi, entnommen der Sammelhandschrift Q 43, die im Bologneser "Civico Museo Bibliografico Musicale" liegt. Während die früheren chorischen Lamentationen der Renaissancezeit mittlerweile auf CD recht gut überblicksartig repräsentiert sind, gab es frühbarocke monodische Klagelieder aus Italien bisher kaum zu hören. Die dunklen Klageliedtexte erwiesen sich als besonders dankbares Material für die Komponisten des frühen 17. Jahrhunderts, denn die darin zu findende tiefe Trauer und Verzweiflung ließ sich mit den neuen melodischen und harmonischen Mitteln, mit dieser ungeheuerlich "nackten" neuen Art des Komponierens nur einer einzigen Gesangsstimme über einer Generalbasslinie besonders expressiv und affektnah ausgestalten. Solches machen María Cristina Kiehr, Jean-Marc Aymes und das Ensemble Concerto Soave zum fesselnden Erlebnis – ihre Darbietung lässt keine Wünsche offen, und das eingespielte Repertoire dürfte noch kaum jemandem näher bekannt sein. So stellt man sich eine gelungene und überzeugende CD-Neuerscheinung vor.

Michael Wersin, 14.04.2007



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