In unserer Zeit, das lässt sich nicht leugnen, dominieren visuelle Eindrücke. Dass sich auch die Vermarktungsstrategien der Musikbranche darauf einstellen, scheint zunächst widersinnig zu sein, geht es hier doch um zu Hörendes. Aber ein Produkt wie das vorliegende, das Debütrezital der lettischen Mezzosopranistin Elīna Garanča, zeigt, dass diese Quadratur des Kreises durchaus möglich ist. Der Rezensent hält ein reich bebildertes Hochglanzheft im DIN-A4-Format mit Informationen über die Künstlerin in der Hand, das eindrucksvoll den Werbeaufwand belegt, den das Label für seinen neuen Star betreibt. Er bewundert die erstklassigen Fotografien darin und hört gleichzeitig die erste Nummer der beiliegenden CD, "Al pensar en el dueño de mis amores" von Ruperto Chapí – ein Reißer gleich am Beginn des Programms. Der Rezensent hört, nüchtern gesagt, in diesem übrigens wenig interessanten Stück eine nicht übermäßig charakteristische Stimme und eine Reihe von zu tiefen Spitzentönen. Ein erster Eindruck, der sich im Verlauf der CD noch weiter ausdifferenziert, aber nicht unbedingt grundlegend verbessert: In "Nacqui all’affanno e al pianto" aus Rossinis "Cenerentola" tritt zwar eine bemerkenswert gute Koloraturtechnik zu Tage, gleichzeitig gibt es aber auch wieder (am Anfang) unsaubere Töne, und insgesamt verwundert auch hier das recht monochrome Timbre. Letzteres irritiert auch in Villa-Lobos’ "Bachiana Brasileira Nr. 5", vor allem in den Rahmenteilen, die als Vokalise auszuführen sind und somit allein durchs Timbre, nicht durch die Deklamation eines Textes ihre Wirkung zu entfalten haben: Garanča klingt hier ganz angenehm, aber blass und etwas matt. Wenig prägnant und dazu sprachlich bis zur Unverständlichkeit verzerrt auch die beiden "Rosenkavalier"-Ausschnitte am Schluss des Programms. Und nun? Elīna Garanča ist ohne Zweifel eine exzeptionell begabte Sängerin, die zudem auf der Bühne eine gute Figur abgibt und dadurch stimmliche Schwächen zu kompensieren vermag (die Dominanz des Visuellen). Aber sie ist hinsichtlich ihrer rein stimmlichen Reife noch kein Star. Die Promotionstrategen sorgen allerdings dafür, dass sie als solcher gehandelt wird. Für Elīna Garančas künstlerische Weiterentwicklung ist das eine große Gefahr.

Michael Wersin, 26.05.2007



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