Die Entwicklung der Orgel zum großkalibrigen Instrument hat natürlich einen Namen: Aristide Cavaillé-Coll. Doch nicht nur im Frankreich des 19. Jahrhunderts wurde das Selbstbewusstsein der Instrumentenkönigin noch einmal gesteigert. Auch in England sorgten bedeutende Werkstätten für ungeahnt imperiale Klimm- und Atemzüge an den Manualen und Pfeifen. Aus einer dieser Orgelbaudynastien stammt auch Henry Willis III, der Anfang des 20. Jahrhunderts in die Kathedrale zu Liverpool ein wahres Schlachtschiff einhängte, das mit seinen Möglichkeiten auch ganz den Geist des auf Glanz & Gloria geeichten Königreiches widerspiegelte. Und erstaunlicherweise schwingt diese, nicht zuletzt von Edward Elgar repräsentierte Lust am Pompsound in nahezu allen sinfonischen Orgelwerken mit, die Ian Tracey an der Willisorgel weniger eingespielt als fulminant inszeniert hat. Dabei standen noch nicht einmal ein British Heroe auf dem Notenpult, sondern ausschließlich Vertreter des traditionellen Kontrahenten Frankreich. Aber allein die hymnische Einleitungsprozession und das überwältigende Fanfarenfeuerwerk in der "Marche-fantaiasie sur deux chants d´église" op. 44 von Alexandre Guilmant zeigen einmal wieder, wie gut sich Nationen über die Musik doch verstehen können.
Überhaupt geht es in dem Rezital transkontinental zu. Da dehnte Charles Gounod die russische Nationalhymne auf Breitwandformat aus, komponierte Théodore Dubois seine "Fantaisie triomphale" (Nomen est omen) 1899 für eine neue, mit 7000 Pfeifen bewaffnete Orgel in Chicago. Und in dem Arrangement der Nr. 2 von Marcel Duprés "Cortège et Litanie" steckt all das an schillerndem Glamour und Kitsch, den ein Leopold Stokowski mit dem Philadelphia Orchestra gern über die Konzertrampe schwappen ließ. Dass es ihm jetzt Dirigent Rumon Gamba mit der BBC Philharmonic gleichtut, spricht für die Reize einer Klangdekadenz – vorausgesetzt, sie wird zudem in ihren mitreißenden Extremen so durchmoduliert und plastisch erlebbar gemacht, wie es Ian Tracey vormacht.

Guido Fischer, 07.07.2007



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