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The Callas Conversations Vol. II

Maria Callas, Luchino Visconti u.a.

EMI 38845799

Wie soll man die Aspektvielfalt dieses historischen Dokuments in wenige Worte fassen? Es handelt sich, schlicht gesagt, um eine Art "Talk-Show", so wie sie im Fernsehen der Endsechziger offensichtlich noch möglich war: Weit über eine Stunde lang unterhält sich ein französischer Moderator mit einem klassischen Gesangsstar, unterbrochen lediglich von drei Arieneinblendungen. Als weitere Gäste kommen vor allem der Operndirektor Francesco Siciliani und der Regisseur Luchino Visconti hinzu. Nur der Moderator ist Franzose; dennoch findet die Konversation in gepflegtem, überaus flüssigem Französisch (deutsche Untertitel sind möglich) statt. Keine Knöpfe im Ohr, keine Synchronübersetzung – wo gibt es so etwas heute noch? Wo kann man heute überhaupt noch weit mehr als eine Stunde über Operngesang reden, darüber, wann wer was zu oder über Maria Callas gesagt hat, wie sie hier oder dort gesungen und gespielt hat etc.? Längst vergangene Gesprächskultur im Zeitalter der inhaltsentleerten 30-Sekunden-Statements. Wir erleben in diesem Interview von 1969 eine Maria Callas, die ihren letzten Opernbühnenauftritt bereits seit Jahren hinter sich hat, die eine gewaltige, vernichtende Krise durchgemacht hat und gerade der neuen Chance einer schauspielerischen Tätigkeit (die Medea in einem Viscontifilm) entgegensieht, aber dennoch bereits seit Jahren wieder mit der ihr eigenen Härte an ihrem Gesang arbeitet. Das bittere Ende kennen wir heute: Keine Opernauftritte mehr, nur noch ein paar bedenkliche Rezitalversuche, Meisterkurse in New York, ein trauriges, einsames Ende in Paris nur acht Jahre nach diesem Interview. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie stark, ruhig, gefasst und souverän die Callas in diesem Interview wirkt: Eine große Persönlichkeit voller Stolz, Scham, Bescheidenheit, Härte, Milde – viele gegensätzliche Eigenschaften, die sich zu einem eindrucksvollen, durchaus sympathischen Charakter vermengen. Die Lobhudeleien der Gesprächspartner beeindrucken sie wenig, und ihre gnadenlose Selbstanalyse, auf die der Zuschauer bis zum letzten Gesprächsabschnitt warten muss, ist keineswegs kokett, sondern zutiefst ehrlich; nur in dem einen Punkt, dass sie es wieder auf die Opernbühne schaffen würde, irrt sie tragisch. Hinsichtlich der persönlichen Verfassung von Maria Callas ist der Vergleich mit dem enthaltenen, ebenfalls französischen kurzen Bonus-Interview von 1964 aufschlussreich: Wie viel jugendlicher, frischer, lebendiger wirkte Maria Callas noch wenige Jahre früher! Wer ein umfassendes Gespür hat für die Tragik großer Biografien, der wird diese Gespräche mit Spannung und großem Mitgefühl verfolgen.

Michael Wersin, 07.07.2007



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