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Jesús Guridi, Aita Donostia, Andrés Isasi u.a.

Paisajes del Recuerdo – zeitgenössische baskische Kompositionen

Carlos Mena, Susanna García de Salazar

harmonia mundi HMC 987073
(67 Min., 10/2006) 1 CD

Kunstlieder, gesungen von einem Countertenor – fast immer eine heikle Angelegenheit. Nicht so bei Carlos Mena: Der 1971 in Spanien geborene, bei Richard Levitt und René Jacobs an der Baseler Schola Cantorum ausgebildete Altist verfügt über eine wasserklare, ätherische, mit ungeheurer Präzision und Ruhe geführte Stimme; kein Rest von Erdenschwere haftet ihr an, keinerlei Manierismen trüben den Vortrag, an keiner Stelle tönt es (um die Dinge einmal beim Namen zu nennen) nach Mann in Frauenkleidern. Nein, Carlos Mena klingt einfach ganz selbstverständlich wie ein Mann mit einer besonderen, eben mit einer hohen Stimme. Das Repertoire, das er auf ebenso perfekte wie lebendige Weise vor dem Hörer ausbreitet, ist ein bei uns fast weitgehend unbekanntes. Man muss schon tief in die Gesangsrezitalkiste greifen, um (etwa bei der frühen Victoria de los Angeles) wenigstens auf den Komponisten Jesús Guridi zu treffen, aber Namen wie Aita Donostia, Beltrán Pagola oder Gabriel Erkoreka begegnen uns eigentlich so gut wie niemals. Es handelt sich ausnahmslos um baskische Komponisten, und die hier versammelten klavierbegleiteten Lieder sind allesamt im 20. Jahrhundert entstanden. Sie basieren häufig auf volkstümlichen Melodien, sind aber in der Regel, vor allem im Klaviersatz, kunstvoll ausgearbeitet. Harmonisch bewegen sie sich weitestgehend im dur-moll-tonalen Bereich – dessen Grenzen werden allenfalls in Carmelo Bernaolas "Tres canciones de Segovia" von 1997 angetastet. Insgesamt ein überaus reizvolles, im Charakter ganz spezielles und eigenständiges Liedgut, das kennen zu lernen sich ohne jeden Zweifel lohnt – besonders wenn es so kompetent vermittelt wird wie auf dieser CD. Man trifft dabei wieder einmal auf eine nationale Schule des 20. Jahrhunderts, innerhalb derer es offenbar möglich war, kreativ und originell zu sein, ohne sich dem ästhetischen Diktat von Dodekafonie oder Serialismus unterwerfen zu müssen. Auch dieser Aspekt trägt zum Reiz der Einspielung bei.

Michael Wersin, 11.08.2007



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