"Come un angelo celeste" hört man Juan Diego Florez gleich am Beginn dieser CD singen, und man ist geneigt, diese Textzeile als Motto für das gesamte Programm zu betrachten – singt Florez nicht wirklich wie ein Engel vom Himmel? Einerseits ja: Diese unvergleichlich schöne Stimme, so könnte man meinen, dringt womöglich aus einer ganz anderen Welt in unsere an wirklich gutem, makellosem und wahrhaft bewegendem Gesang derzeit nicht eben reiche irdische Realität. Andererseits und darüber hinaus darf man aber auch konstatieren: Florez’ singt nicht nur engelsgleich, sondern er verfügt gleichzeitig über ein gesundes Maß an Bodenhaftung. Seine Stimme ist technisch gut im Körper verankert, die hohe Lage wird niemals isoliert gebildet, sondern bleibt immer perfekt mit der Mittellage verbunden. Zwar haben die extrem hohen Spitzentöne über dem C einen hohen Kopfanteil (daher gelingen sie auf den Vokalen "i" und "e" auch am besten, während sie auf "a" leichte Verfärbung erfahren und auch durchaus mal ein wenig forciert klingen), aber sie bleiben dabei erstaunlich kraftvoll und metallisch. Einen deutlichen Registerwechsel zur Vollhöhe hin nimmt man nicht wahr. All dies sind Qualitäten, die man auch Giovanni Battista Rubini (1794-1854), dem historischen Sängervorbild für dieses Belcantoprogramm, nachsagt. Insofern präsentiert sich Florez als idealer Interpret für das hier vorgestellte Repertoire – niemand könnte es ihm derzeit auf so hohem Niveau gleichtun. Gute Bodenhaftung beweist Florez ferner auch im übertragenden Sinne: Seit mehr als zehn Jahren führt der 1973 geborene Tenor nun schon ein anstrengendes Sängerleben mit vollem Terminkalender, und wir haben es bisher nicht erlebt, dass sein herrliches Material gelitten hätte. Viele haben wir in der vergangenen Dekade kommen und bald wieder gehen sehen, so manche Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Diese jedoch, so scheint es, dürfen wir uns weiterhin bewahren: Florez bietet uns auf der vorliegenden CD nicht nur ein Feuerwerk der vokalen Extreme, sondern er schenkt seinem Publikum vor allem Gesang, der – timbre- und intensitätsbedingt – direkt mitten ins Herz geht. Wer könnte derzeit die Legatolinien des Belcantorepertoires so vollendet formen, wer könnte eine Stimme mit einem so irisierend schönen Silberstreifen als Kern so sicher und perfekt durch alle Lagen hindurchführen, ohne jemals in irgendeiner teuflisch schweren Ecke dieser für normale Maßstäbe höllischen Arien ernsthaft Substanz einzubüßen? Der Autor dieser Zeilen wüsste keinen Zweiten.

Michael Wersin, 07.09.2007



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