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Christopher Nupen

We Want The Light

Vladimir Ashkenazy, Evgeny Kissin, Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman, Gürzenich-Orchester Köln, Kölner Opernchor, Zubin Mehta u.a.

Opus Arte/Naxos BBCCN0909 D
(300 Min.) 60 Min. (Film), 240 Min. (Interviews/ Musik)

Hölle und Paradies, so erzählt die Pianistin Alice Sommer Herz, war für sie das Konzentrationslager in Theresienstadt. Der Befehl "Zurück ins Ghetto!" bedeutete, dass sie mit Mann und Sohn und anderen Gefangenen an einem grau verregneten Morgen nach einem langen Fußmarsch in die Einöde nicht von Gestapo-Soldaten erschossen wurden, gleichzeitig bedeutete es das Zurück in die Hölle, den Ort, an dem Hunger und Tod stets präsent waren und die Angst das Leben bestimmte. "Ich will nicht über die Fürchterlichkeiten reden", sagt die Pianistin, sie redet über das Überleben: "Theresienstadt war der Beweis des Zaubers der Musik. Das ist etwas Eigenartiges, wie Musik auf die Seele des Menschen wirkt. Es ist das Schönste, was das Menschenleben bieten kann. Ich muss sagen, dass sie mir geholfen hat, mein Leben schön gemacht hat. Selbst in den wirklich harten Zeiten hat sie mich wirklich glücklich gemacht." Ihre Worte, ohne Hass und ohne Verbitterung geäußert, treffen den Zuschauer. Mit sehr wachen, gütigen, in die Zukunft gerichteten Blicken, die so intensiv von einer schrecklichen Vergangenheit sprechen, schaut die im Film 98-jährige Pianistin den Fragenden an.
Christopher Nupen ist in diesem Film dem Verhältnis von Deutschen und Juden in der Folge des Terrors und der Vernichtung durch die Nationalsozialisten im 20. Jahrhunderts nachgegangen. Wie sehen die jüdischen Künstler heute ihr Verhältnis zur Musik deutscher Komponisten, speziell zu Wagner? Welche Rolle spielten Moses und Felix Mendelssohn für die Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft? Christopher Nupen versteht es, dieses Thema auf eindrucksvolle Weise in seinen Film zu bannen, geprägt von Aussagen verschiedener jüdischer Musiker, darunter einiger, die die Konzentrationslager von Auschwitz und Theresienstadt überlebt haben. "We want the Ligth", diese Worte aus einem Gedicht der 12-jährigen Eva Pickova aus dem Konzentrationslager Theresienstadt wurde zur Leitidee der Dramaturgie. Dank der Aura der Musik, die Zeit zum Nachdenken gibt und gleichzeitig Trost spendet, kann sich der Zuschauer dem Thema wirklich öffnen. Christopher Nupen arbeitet sehr gezielt mit den emotionalen Kräften aller Einzelelemente, und fügt im Anschluss an den Film das Material mit Interviews sowie die einzelnen Musikausschnitte noch einmal als Dokumentation hinzu.
Die Musik wirkt auch dort weiter, wo Worte fehlen. Dieser Film, diese Interviews sind großartige Beiträge zum deutsch-jüdischen Dialog. Ohne Anklage. Hier begegnet der Zuschauer Menschen, sehr direkt. Sie sitzen ihm quasi gegenüber. Der Film sucht keine wissenschaftlich-soziologische Auseinandersetzung, sondern findet eine menschlich-emotionale Basis in den Erlebnissen und Gedanken der Musiker für ein gegenseitiges Verständnis zwischen Deutschen und Juden. Einige Sätze gehen dem Zuschauer noch tagelang im Kopf herum. Wenn die Künstler von der Macht und vom unergründlichen Mysterium der Musik sprechen. Alice Sommer Herz legt dem Zuschauer mit Schuberts Impromptu As-Dur die Essenz dieses Films ans Herz, sie hat einen Weg in die Zukunft ohne Hass gefunden. "Wenn man gewusst hat, man spielt abends, dann war man glücklich ... Wenn wir gespielt haben, war es wie ein Gottesdienst oder so etwas. Da war man nahe dem Göttlichen. Wir, und ebenso die Zuhörer."

Margarete Zander, 07.05.2005



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