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Heinrich Isaac, Thomas Stoltzer, Jacob Obrecht, Anonymus

Musik aus der Zeit von Tilman Riemenschneider

Il Curioso, Hedos Ensemble, Bernhard Böhm

Naxos 8.557138
(60 Min., 9/2003) 1 CD

Es ist und bleibt eine fremde, geheimnisvolle Welt, zu der sich der Hörer dieser CD mittels musikalischer Eindrücke Zugang verschafft: Das "spätmittelalterliche" Deutschland zu Lebzeiten des Bildhauers Tilman Riemenschneider (1460-1531) war, betrachtet man Städte wie Riemenschneiders langjähriger Wohnort Würzburg, ein Deutschland der verwinkelten, kotigen Gassen, der windschiefen Häuschen, der durchschnittlich sehr geringen Lebenserwartung, auch der vergleichsweise rustikalen Lebensfreude ... Historiker haben inzwischen so manchen Mythos entzaubert und einige hoffnungslos romantische, aber auch viele zu düstere Vorstellungen korrigiert. Es bleibt jedoch nach wie vor äußerst schwierig, sich ein Bild zu machen von der Befindlichkeit, vom Innenleben der damaligen Menschen.
Musik ist ein Medium, das dabei zumindest Hilfestellung zu leisten vermag. Der Klang der zahlreichen verschiedenen Blas-, Saiten- und Schlaginstrumente, die auf dieser CD in historisch informierter Spielweise erklingen, "spricht" auf eindrückliche Weise für sich, wenn natürlich vor allem solche Lieder und Weisen, von denen allein die Melodie überliefert ist, zwangsläufig in neuen Arrangements erklingen und daher zumindest ebensoviel oder möglicherweise sogar mehr über die Kreativität und Erfahrung der heutigen Interpreten aussagen wie über das tatsächliche Klangbild originaler historischer Improvisationspraxis. Besonders deutlich wird dieses Problem in den Stücken, an denen ein Sänger beteiligt ist: Viel stärker noch als bei einer Flöte oder gar bei einem Krummhorn sind hier sämtliche Parameter von der Klangfarbe über die Artikulation bis hin zum Dialekt nicht mehr rekonstruierbar; "mittelalterlicher" Gesang hat daher, auch auf dieser CD, immer ein wenig die Aura des etwas gewollten Bemühens um zeittypisches Kolorit. Faszinierend hingegen die wundervollen, erstklassigen gespielten Blasinstrumente: Weicher, warmer Klang von Blockflöten, schnarrend-näselndes Timbre von Krummhörnern. Edle Satzkunst eines Obrecht oder Isaac steht neben ausgelassen-kraftvoll dargebotenen Bearbeitungen von Liedern und Tänzen mit rauen Quartparallelen und halsbrecherischen Diminutionen über wilden Trommelklängen. Die beiden Gruppierungen "Il Curioso" und "Hedos Ensemble", die sich offenbar jeweils um Bernhard Böhm, Professor für Flöteninstrumente in Würzburg, scharen, erfreuen den Hörer mit einer bunten Mischung unterschiedlichster Besetzungen und musikalischer Stile. Leider wurde im Beiheft bezüglich der Frage, wer wann was mit wem spielt, auf jeglichen Anhaltspunkt verzichtet; so erfährt der näher Interessierte leider niemals, welche Instrumente er genau hört, geschweige denn, wer sie spielt. Dies ist der einzige Mangel dieser höchst inspirierten und inspirierenden CD.

Michael Wersin, 14.05.2005



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