Diverse

Living Voices - Historische Sängeraufnahmen in 10 Folgen

Gerhard Hüsch, Elisabeth Schwarzkopf, Michael Bohnen, Lotte Lehmann, Leo Slezak, Maria Cebotari, Feodor Schaljapin, Maria Nemeth, Joseph Schwarz, Miliza Korjus

Hänssler Classic/Naxos CD 94.501 - 94.510
(685 Min., 1905 - 1953)

"Früher war alles besser", scheinen uns die nostalgisch schwarz-weißen Künstlerfotos auf CDs mit historischen Aufnahmen zuzurufen - es ist, als könne man eintauchen in eine bessere Welt des ehrlicheren, auch des begabteren Künstlertums. In mancher Hinsicht mag dies zutreffen, aber dennoch ist Vorsicht geboten: Indem wir als wohlwollender Rezipient die eingeschränkte Tonqualität des alten Materials - für die vorliegende Serie übrigens gewissenhaft und erfolgreich digital remastered - automatisch beim Hören ausgleichen, neigen wir möglicherweise auch dazu, so manche interpretatorische Unebenheit gleich mit zu relativieren: Würde Gerhard Hüsch für seine "Schöne Müllerin" heute im Konzertsaal wirklich viel Beifall bekommen? Zeugt sein in der Höhe merkwürdig gestopftes Timbre wirklich von jener Mühelosigkeit des Gesangs, die ihm immer wieder attestiert wird, und steht bei ihm wirklich so sehr die Melodie im Vordergrund, dass man seinen Liedgesang, wie oft geschehen, gegen denjenigen des frühen Dietrich Fischer-Dieskau ausspielen kann? Genaues, nüchternes Zuhören ist erforderlich, um sich einer Antwort zu nähern.
Beim Lied-Rezital der Richard-Strauss-Muse Lotte Lehmann sind es die für jene Zeit nicht untypischen Streichquartett-Bearbeitungen der Klavierbegleitungen, die den an das gegenwärtige Streben nach möglichst originaler Wiedergabe klassischer Musik gewöhnten kritischen Hörer eigentlich erschauern lassen müssten: Schließlich wurde der originale Satz nicht nur auf Geigen, Bratsche und Cello verteilt, sondern man hat auch massivst in die Substanz eingegriffen und unbekümmert Vorhalte, Durchgänge etc. wohl in ausdruckssteigernder Absicht hinzugefügt. Das süßliche Portamento der Streicher korrespondiert mit ähnlichen Attitüden der Lehmann, die dem Zeitgeschmack entsprachen, heute aber ohne Zweifel geächtet würden.
Hochinteressant die Elisabeth-Schwarzkopf-Folge: Wir hören hier zunächst die allerersten (Operetten-) Aufnahmen der Sopranistin von 1939, mit einem überaus brillanten, aber heute vergessenen Rupert Glawitsch als Tenor-Partner übrigens, und staunen über Schwarzkopfs offenen, unprätentiösen, herzerfrischenden Gesang, bevor ihr Ehemann und Mentor Walter Legge begonnen hatte, das Opfer seines zwanghaften Perfektionstriebes stimmlich und interpretatorisch zu verformen. Was dabei dann herauskam, bleibt dem Hörer auch nicht erspart: Das "Vilja-Lied" etwa, eingespielt 1953, ist schon geprägt von jener sattsam bekannten, kaum erträglichen Künstlichkeit mit verfärbten Vokalen und den wie durch einen hohlen Zahn gepfiffenen "S"-Lauten.
Von Hypertrophien gekennzeichnet auch der Gesang des Multitalents Michael Bohnen mit seinem markigen, berückend sonoren Bassbariton: Im Escamillo-Antrittslied "Votre Toast" geht der darstellerische Gaul so sehr mit ihm durch, dass er immer wieder aus der von Bizet ja doch schon effektvoll genug gestalteten Melodielinie ausbricht und seine Stimme halb rufend, halb jauchzend in die Höhe schnellen lässt; in Mozarts "O Isis und Osiris" hingegen kann er nicht umhin, am Schluss des ersten Teils ein nicht originales Kontra-C zu röhren.
All dies und manches andere gibt es zu entdecken auf den hervorragend zusammengestellten und sehr gut ausgestatteten CDs dieser Serie. Aufmerksamkeit und wacher Verstand sei dem interessierten Hörer anempfohlen, um zu einem objektiven Urteil über den klassischen Gesang vergangener Tage zu gelangen: Nicht alles war wirklich Gold, was heute die Musikschriftstellerriege - der Autor schließt sich selbstverständlich ein - im Wunsch nach Abgrenzung von den Unsäglichkeiten und Plattheiten unseres gegenwärtigen Klassik-Betriebes als solches darstellt. Und dennoch fasziniert immer wieder das stupende Können jener Künstler von gestern, die einen daran zu erinnern vermögen, das die Interpretationsgeschichte wahrlich keine Einbahnstraße ist.

Michael Wersin, 21.05.2005



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