Nach dem im letzten Jahr veröffentlichten Live-Recital, das 1993 im französischen Montpellier mitgeschnitten wurde und die umwerfende wie vielfältige Meisterschaft des "späten" Friedrich Gulda dokumentierte, geht es jetzt ganz zurück zu den Anfängen des österreichischen Wunderkauzes. Kaum hatte Gulda 1946 im zarten Teenie-Alter von 16 Jahren beim Genfer Musikwettbewerb für positiven Wirbel gesorgt, bekam er ein Jahr später schon den ersten Termin in den legendären Londoner Decca-Studios. Die zwischen 1947 und 1949 entstandenen 78er-Vinyl-Aufnahmen verstaubten aber erst einmal in den Archiven der Sängerin Ursula Anders, mit der Gulda später seine Freak-Phase durchmachte. Jetzt hat Anders das Material zur Rekonstruktion und CD-Veröffentlichung freigegeben. Doch die "First Recordings" von Gulda sind mehr als nur ein Sammlerstück. Gerade bei den Komponisten, die bis auf Chopin und Prokofjew zu seinen Favoriten zählten, besitzt Guldas Spiel- und Ausdruckskultur bereits eine Souveränität, für die andere talentierte Pianisten mindestens zwei Leben benötigen würden.
Guldas Bach (u. a. das G-Dur-Paar BWV 860 aus dem Wohltemperierten Klavier sowie die Fuge aus der Toccata c-Moll) ist bereits meilenweit entfernt von der neo-romantischen Bach-Pflege eines Edwin Fischer. Stattdessen gilt eine Modernität, die in der durchgeformten Leichtigkeit eindringlich in den Anschlagsfarben bleibt. Obwohl Beethovens Kleinigkeiten wie die "Sechs Ecossaisen" WoO 83 mit festem Charme und die vier Chopin-Piècen (u. a. Ballade Nr. 3) mit gedankenspielerischer Gelöstheit daherkommen, liegen die beiden Höhepunkte dieser Erstveröffentlichungen einmal in der D-Dur-Sonate KV 578 von Mozart. Die genaue Balance aus intellektueller Kontrolle und "spontanem" Zugriff kündigen da unüberhörbar seine kommenden Mozart-Quantensprünge an. Und wenn man andererseits nun zum ersten und auch letzten Mal dem Prokofjew-Interpreten Gulda (Sonate Nr. 7 B-Dur) begegnet, wird man Zeuge einer schon fast gelassen hingelegten Virtuosität - bei der in London statt Schweißtropfen kunterbunte Funken umher geflogen sein müssen.

Guido Fischer, 28.05.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top