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Diverse

Musik im 20. Jahrhundert - Vol. 1: Tanz auf dem Vulkan

City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle

Arthaus/Naxos 102 032
(50 Min., 1996) 1 DVD, 4:3

Musiklehrer aufgepasst: mit der siebenteiligen Reihe "Musik im 20. Jahrhundert" wird eine der didaktisch wertvollsten Einführungen in die Welt der Schönbergs und Boulez´ vorliegen. Zwar ist erst Ende 2005 die komplette Überspielung auf DVD auf dem Markt. Doch schon der erste Teil "Tanz auf dem Vulkan", der nur unwesentlich länger als eine Schulstunde dauert, ist ein schlagender Beleg dafür, wie man sich diesem komplexen Thema auf sachkundige, aber nie allzu kopflastige Weise nähern kann. Denn schließlich war es Mitte der 1990er Jahre Simon Rattle, der damals als Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra nicht nur im Konzertsaal, sondern eben auch vor laufenden Fernsehkameras eine Lanze für alle Spiel- und Denkarten der Neuen Musik brechen konnte. Und dies nun alles ohne Teleprompter, wenn er jetzt vom Klavier aus über die Bruchstellen vom 19. zum 20. Jahrhundert, von Wagners "Tristan"-Akkord über Schönbergs Zwölfton-Gebilde bis zur "kristallklaren Perfektion" eines Anton Webern erzählt statt doziert.
Um aber nicht die Neugier nur entlang von ausgewählten Einzelbeispielen zu wecken, schlägt Rattle gleich auch noch den kulturhistorischen Bogen zurück ins Wien der Jahrhundert-Wende, das als Nabel der europäischen Architektur, Malerei und Philosophie vorgestellt wird. Und so überkreuzen sich die Bilder und die Klänge, wenn er beispielsweise Schönbergs "Orchesterstücke" mit Egon Schiele zusammenführt. Natürlich bekommen bisweilen dabei manche Kompositionen allzu sehr pathologische bzw. seismographische Schlagseite, wenn Rattle die europäische Katastrophe über den Ersten Weltkrieg hinaus in der Zweiten Wiener Schule und bei Mahler wittert. Immerhin ist Rattle weit davon entfernt, zu jenem pathetischen Weltumarmer zu mutieren, als der sich sein Vorbild Leonard Bernstein gerne telegen inszenierte. So redet denn Rattle auch Tacheles - über Richard Strauss, der für ihn nicht mehr war als ein Opportunist und Pragmatiker und der mit der "Elektra" ein reaktionäres statt ein nachdenkliches Stück geschrieben hat. Die nächsten Folgen, die sich u.a. um "Rhythmus" und "Made in America" drehen werden, sind somit nicht nur etwas für Musiklehrer.

Guido Fischer, 25.06.2005



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