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Anton Bruckner, Joseph Haydn, Franz Schubert

Sinfonien Nr. 5, 6, 8 und 9, Nr. 76, "Unvollendete"

NDR Sinfonieorchester, Günter Wand

TDK/Naxos DV-COWANDBOX 1
(360 Min., 7/1996 - 7/2001) 4 DVDs, Live-Mitschnitte Schleswig-Holstein Musik Festival, Lübeck

Die Lobeshymnen, die dem Doyen der klassisch-romantischen Sinfonik von Haydn bis Bruckner (erst!) in den letzten zwei Dekaden seines langen Lebens zuteil wurden, dürften dreieinhalb Jahre nach dem Tod des 90-jährigen noch gegenwärtig sein. Vielleicht genügt ja zur Erinnerung an den "Werk-Diener" par excellence die Selbstauskunft des 62-jährigen Gürzenich-Kapellmeisters, der nach der WDR-Anfrage, ob er einmal Bruckners Fünfte dirigieren und einspielen wolle, wochenlang nicht schlafen konnte, so groß war die Ehrfurcht vor diesem kontrapunktischen Meister- und religiösen Bekenntniswerk und seinem Schöpfer. Dass man Wand in den nächsten Jahrzehnten den "Bruckner-Heiligen" nannte – diese Ikonisierung passte eigentlich nicht zu dem persönlich so Bescheidenen (gleichwohl Selbstbewussten), der alles Dompteur-Gehabe und egomanische Selbststilisierung verachtete und stattdessen Dreierlei propagierte: ausführlichstes Partiturstudium, langjähriges Kennenlernen eines Orchesters und mindestens fünf Proben bei jedem angesetzten Werk (heutige "youngsters" sind froh, wenn man ihnen bei Gastorchestern zwei zugesteht).
Dem nun vorliegenden ersten Teil der Günter Wand-DVD-Edition kann man diese Akribie nicht nur abhören, sondern auch abschauen. Die Einspielungen der Bruckner-Sinfonien Nr. 5, 6, 8 und 9 mitsamt den landsmännischen Vorbildern Haydns (Nr. 76) und Schuberts ("Unvollendete") in der NDR-Fassung vom Schleswig-Holstein Musik Festival der Jahre 1996-2001 reichen hinsichtlich Klangkultur und Spieltechnik – mit Ausnahme der grandiosen Fünften und Achten – zwar nicht ganz an Wands Berliner-Philharmoniker-Einspielungen heran (so gelingt etwa die Piano-Intonation des Bläserchorals der Fünften oder die Koordination der Bruckner-typischen Zweier- gegen Dreier-Rhythmik am Schluss des "Totentanz"-Scherzos der Neunten nur mangelhaft); gleichwohl bezwingt in allen vier Einspielungen die Spannung (und Erwartungshaltung an den großen alten Mann), die in der Lübecker Musik- und Kongresshalle geradezu mit Händen greifbar war.
Was aber lohnt die DVD-Anschaffung, auch wenn man die früheren bzw. gleichzeitig entstandenen CD-Aufnahmen Wands aus Köln, Hamburg und Berlin bereits besitzt? Zunächst kann natürlich auch diese Edition das grundsätzliche Problem der Visualisierung von Musik nicht beseitigen: Es bringt nichts für das Verständnis des Gehörten bzw. es lenkt einfach nur ab, wenn man per Nahaufnahme in aufgeblähte Oboistengesichter oder auf schwitzende Kontrabassisten blickt. Doch immerhin: Die NDR-Regie kannte die Partitur und so gab es bei den entsprechenden Solisten- oder Klanggruppen-Einsätzen kaum falsche (oder unwichtige) Kamerapositionen.
Doch vor allem ist es höchst erhellend zu sehen bzw. sehend zu ahnen, wie viel Probenarbeit vor diesen Konzertergebnissen vonstatten gegangen war bzw. sein muss. Denn das nach außen hin spärliche, unauffällige, gleichwohl höchst präzise Dirigat Wands, der mit der Rechten das Metrum schlägt und mit der Linken (vorwiegend) den dynamischen Ausdrucksgestus der Musik lenkt - diese Askese steht in scheinbarem Widerspruch, d. h. in wunderbarem Korrelat zur aufmerksamsten Hingabe, zu der sich die NDR-Musiker animieren ließen. Und wie sich ihr Leiter um einzelne Solisten kümmert, sei es dynamisch fordernd oder abblockend, und wie er die Klangbalance zwischen den Orchestergruppen austariert, das beweist nun auch visuell: eine analytischere, über die Jahrzehnte hinweg erfahrenere und bewusstere Bruckner-Exegese ist kaum vorstellbar.
Dabei fasziniert am meisten Wands Minenspiel: In ihm zeigt sich bei nahezu jeder Einzelheit der Riesenpartituren, ob und wie diese im Moment klanglich gelingt – oder eben auch nicht (ganz anders als etwa beim stets mystisch verdunkelten Karajan-Gesicht). So verfinstern sich einige Mal Wands Züge derart zum Zorn, dass klar wird: hier wurde wohl ganz anders geprobt! (etwa in der zu laut angegangenen Coda des ersten oder bei dem von den ersten Geigen verschleppten Beginn des Dur-Hauptthemas des letzten Satzes der Neunten). Einzigartige Momente bleiben unvergessen: Wie bei ihren kathartischen Dissonanzballungen im dritten Satz der hellwache Greis mit geöffnetem Mund und starrenden Augen geradezu in die Apokalypse zu blicken scheint, das versinnbildlicht Bruckners nach wie vor unergründliche Tonsprache noch ein Stück weit mehr als "nur" das Gehörte.

Christoph Braun, 27.08.2005



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