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Giuseppe Verdi, Gaetano Donizetti, Vincenzo Bellini, Charles Gounod u.a.

The Golden Voice

Joseph Calleja

Decca/Universal 475 6931
(59 Min., 5/2005) 1 CD

Neue Tenöre kommen und gehen: Immer wieder hat die Schallplattenindustrie in den letzten Jahren solche Akrobaten der hohen Töne aus dem Hut gezaubert, hat sie mit viel Tamtam vermarktet, hat sich beim ECHO-Preis dafür eine Nominierung gegönnt und sich selbst auf die Schulter geklopft - und wie viele dieser Instant-Stars sind doch schnell wieder im Alltagsgeschäft verschwunden, im anstrengenden internationalen Opern-Treiben, wo sie sich eine Weile wacker halten, und dann schaut man mal wieder, was von der schönen Stimme übrig ist. Joseph Calleja allerdings - der könnte bleiben: Er hat das gewisse Etwas in der Stimme, das seinen Gesang auch ohne Lederkluft und andere PR-Sperenzchen hörenswert macht - nennen wir es sentimental "die Träne". Mit seinem wirklich zu Herzen gehenden Timbre bricht er auch die (sinnbildlich) verkrusteten Ohren des Kritikers auf, obwohl der für "Pourquoi me reveiller" und "Ah! lève-toi, soleil!" seine historischen Lieblingsaufnahmen im Schrank hat und an die neuen Gesangstalente irgendwie nicht so recht glauben mag. Allerdings kann der Kritiker sein professionelles Gehör dennoch nicht ganz abstellen: Er hört, dass Calleja die schwierige, hohe Mezza-Voce-Arie "Je crois entendre encore" aus Bizet Perlenfischern bravourös meistert, besser möglicherweise sogar als Nicolai Gedda, dass Calleja also über eine begeisternd leicht ansprechende Vollhöhe verfügt, wenn er sie stark kopfstimmig, im Klangergebnis fast androgyn abmischt. Die gleiche Höhe allerdings rutscht ihm - z.B. in den beiden zuvor genannten Arien - immer noch aus dem Fokus, wenn er sie mit voller Stimme zu bilden hat. Besser, ja für sich genommen bravourös gelingen im die hohen Cs und das Des in "Deserto in terra" von Donizetti (einst ein Bravourstück Lucianos Pavarottis) - möglicherweise weil die insgesamt hohe Tessitura dieses Stücks von Anfang an zu einem kopfiger abgemischten, leichteren Klang führt. In diesem Repertoirebereich scheint Callejas Zukunft zu liegen, und wie gesagt, er könnte bleiben - wenn er sich seine "Träne" nicht durch unvernünftige Karriereentscheidungen verdirbt. Und wenn er seine Höhe noch etwas besser in den Griff bekommt, ohne dabei den silbrig-irisierenden Charakter seines Timbres zu verlieren.

Michael Wersin, 08.10.2005



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