Als Super-Virtuose und als ganz und gar unsentimentaler Klavier-Orpheus wurde Emil Gilels Zeit seines Lebens gefeiert. Bei ihm konnte man sich in den Miniaturen eines Grieg in selben Maße geborgen fühlen, wie er die Liszt-Sonate zu einem wuchtigen, aber nie überwuchteten Paukenschlag machte. Von der metaphyisch-romantischen Kosmologie eines Swjatoslaw Richter unterschied er sich ebenso wie von dem exzessivem Rausch eines Horowitz. So ist und bleibt das diskografische Erbe des Neuhaus-Schülers Gilels einzigartig in seiner Mischung aus geschmeidiger Klangschönheit, konzertantem Glanz und modernem Gestaltungsvermögen. Mit gleich einer zehn CD-starken Box und Live-Aufnahmen aus den russischen Schallarchiven begegnet man guten, alten Gilels-Bekannten. Der liegt Schwerpunkt auf der ungarisch-russischen Komponisten-Achse.
Gleich zwei Aufnahmen der Liszt-Sonate wurden in diese interpretationshistorisch wertvolle, klangtechnisch im Nachhinein nicht ausgereizte Box aufgenommen. Von 1949 und von 1965 stammen die beiden Mitschnitte, die angesichts der Explosivität und koloristischen Differenzierung durchaus mit Gilels offiziellen Jahrhundertaufnahmen konkurrieren können. Gilels' technische Demonstrationen sind aber nicht nur hier derart fulminant und tiefendimensioniert. Bis in die letzte Faser und Pore macht er aus Rachmaninows cis-Moll-Prélude ein wahres Schlachtenstück, liefert er mit Carl Maria von Webers A-Dur-Sonate den schlagenden Beweis, wie blendend sich romantische Hingabe und Elan verstehen. Bei den eingefleischten Gilels-Kennern sind diese Dokumente zumeist längst in festen Händen. Die Klavierkonzerte von Chopin und Rachmaninow, die Prokofjew-Sonaten und die Klavierstücke von Tschaikowski. Und weil ihr russisches Idol kein unfehlbarer Gott, sondern eben Emil Gilels war, wissen sie, dass man bei den Brahms-Balladen an ihm vorbeikommt - und sich zwischendurch zu Arturo Benedetti Michelangeli bekennen darf.

Guido Fischer, 22.10.2005



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