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Johann Sebastian Bach

Die Kunst der Fuge

Pierre-Laurent Aimard

DG/Universal 477 734-5
(79 Min., 9/2007) 1 CD

Johann Sebastian Bachs Opus summum "Die Kunst der Fuge" gilt immer noch als schwer zu erklimmender Gipfel der Musikgeschichte. Daran ist nicht nur das abrupt ins Nichts abrutschende Finale Schuld, das einem nach so viel polyfoner Unterweisung und Gedankenarbeit alles doch wieder wie ein Buch mit sieben Siegeln vorkommen lässt. Für das ungeheuer verzweigte Stimmenkompendium sowie den melodischen und harmonischen Reichtum dieser fragmentarischen Klangkathedrale fehlt bis heute weiterhin der eindeutige Hinweis, für welches Tasteninstrument dieser Zyklus denn nun komponiert wurde. Angesichts so eines weiten Feldes, auf dem Mythen, Anekdoten und Spekulationen bis in esoterisch angehauchte Deutungen blühen und gedeihen können, bietet die Neueinspielung von Pierre-Laurent Aimard das nötige Gegengift. Denn weder hat sich Aimard von Bach, dem Ausdrucksmusiker, verführen noch von der Mär einlullen lassen, dass Bachs Todesahnungen hier die Feder geführt hätten. Als ein Interpret des 21. Jahrhunderts versteht Aimard Bach daher auch als einen modernen Schöpfer polyfoner Welten, der bei vollem Bewusstsein ist. Und in diese Welten müssen eben nicht immer Bleigewichte eingehängt sein, wenn im Contrapunctus XI eine Tripelfuge dramatisch inszeniert wird. Oder wenn sich der "Canon per Augmentationem in Contrario Motu" asketisch und hoch konzentriert gibt. Aimard ist hier wie überhaupt in jedem Moment Herr seiner Sinne und seines phänomenalen Rüstzeugs, mit dem er der Mehrstimmigkeit alle akademische Rhetorik und jeden Hautgout eines Gebets austreiben kann. Vielmehr findet er genau die Balance aus Spannung und Gelöstheit, aus Eleganz und Strenge, um den musikalischen, eigentlichen Wahrheitsgehalt mit Leben zu füllen. Dazu gehört dann auch schon mal eine ansteckend vitale Ausgelassenheit ("Contrapunctus IX"), oder es ist der tänzerische Groove im "Contrapunctus XIII.2" animierender, als es jemals ein Discobesuch sein kann. Und mit welcher Kraft, Konturiertheit und Klangfülle Aimard die Quadrupelfuge weniger durchmisst als elementar bahnbrechend gestaltet, ist in seinem Elan schlicht mitreißend. Nicht so recht möchte man es daher wahrhaben, dass dieser Torso wirklich das letzte Wort sein soll. Und wie man Aimard so spielen hört, will auch er es nicht glauben.

Guido Fischer, 18.01.2008



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