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Johann Sebastian Bach

Bach Cantatas

Els Bongers, Lisa Larsson, Anne Grimm, Lothar Odinius, Klaus Mertens u.a., Amsterdam Baroque Orchestra, Ton Koopman

Warner Vision 50-51442-1565-2-2
(178 Min., 1997) 1 DVD

Eine DVD vollgepackt mit Bachkantaten unterschiedlichster Ausprägung: Der "Actus tragicus" BWV 106 und "Aus der Tiefen" BWV 131 sind Beispiele für sehr frühe Kantaten Bachs, die launige "Kaffeekantate" steht für die weltliche Werkgruppe, die "Kreuzstabkantate" BWV 56 repräsentiert die Werke für eine einzige Solostimme, "Wachet auf" BWV 140 und "Herz und Mund und Tat und Leben" BWV 147 sind "reife" Exemplare (welche von Bachs Kompositionen wären dies nicht) der Leipziger Zeit. Ton Koopman, am prachtvollen Cembalo sitzend, plaudert vor jedem Werk und ausgehend von ebendiesem über Bach und seine Zeit mit ihrem Musikleben und ihrer Weltanschauung; manches Hilfreiche für den weniger wissenden Hörer teilt er da mit und hilft, die Musik und ihre Hintergründe sowie ihre religiös-liturgische Zielrichtung besser zu verstehen.
Musikalisch ergibt sich sodann dasselbe mitunter etwas durchwachsene Bild, das auch Koopmans Kantatengesamtaufnahme immer wieder entstehen lässt: Freilich spielt man mit den besten Musikern der Szene, freilich ist der kleine Chor ein hervorragend geschultes Spitzenensemble. Probleme gibt es allerdings u. a. im Bereich der Vokalsolisten: Der Bassist Klaus Mertens ist nicht immer ganz in der Spur, was die Führung seiner Stimme angeht – und wo diese nicht völlig rund läuft, wird auch gleich der interpretatorische Habitus etwas fadenscheinig. Von den Sopranistinnen erfreut eigentlich nur Anne Grimm als Protagonistin der Kaffeekantate, die, in einer Kaffeehauskulisse halbszenisch dargeboten, übrigens zu den überzeugendsten Nummern dieses Programms gehört. Els Bongers dagegen verschenkt erbarmungslos jene atemberaubende Stelle im "Actus tragicus", wo ihre am Ende des Gesetzes-Fuge allein noch weiterklingt und schließlich auch abbricht – im Moment der Begegnung mit dem Erlöser, der den Sterbenden mit offenen Armen empfängt, wie man annehmen muss. Von der bewegenden Dichte dieses Augenblicks teilt sich in der vorliegenden Einspielung gar nichts mit. Wer von den Beteiligten hat überhaupt verstanden, was hier vorgeht? Lisa Larsson schließlich macht aus der wundervollen Arie "Bereite dir, Jesu, noch itzo die Bahn" aus BWV 147 eine einzige hektische Atemorgie. Koopman selbst dirigiert und orgelt wie gewohnt mit höchst beweglichem Kopf und Oberkörper; wenn man das so sieht, macht einem die Wirbelsäule des Meisters ernsthaft Sorgen. In jeder kleineren Besetzung schlägt er selbst eloquent die Orgel und nimmt damit dem anderen Continuo-Organisten im Orchester, der nur die Chöre begleiten darf, jede Möglichkeit zu kreativer Entfaltung. Ein frustrierender Job. Ob es mit Bach damals auch so gewesen ist?

Michael Wersin, 18.01.2008



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