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Ludwig van Beethoven, Baldassare Galuppi, Alessandro Scarlatti

Klaviersonaten

Arturo Benedetti Michelangeli

Opus Arte/Naxos OA 0939 D
(84 Min., 1962) 1 DVD

Äußerlich war er ein Aristokrat von den Pomadehaaren bis zur blitzblanken Schuhsohle. Und wenn Arturo Benedetti Michelangeli sich an den Flügel setzte, verzog er keine Miene, war sein Gesicht das einer Sphinx. Benedetti Michelangeli - bei diesem Namen schnalzen die Klavierfans mit der Zunge. Obwohl sich der Maestro bis zu seinem Tod 1995 auf dem Konzertpodium äußerst rar und im Aufnahmestudio nicht immer eine Bella Figura machte. Was ihm bei Chopin und Debussy glückte, wenn er mit seiner unerschütterlichen Prägnanz beredte Tiefenwirkungen ermöglichte, geriet schon mal bei Schumann oder dem von ihm favorisierten Beethoven in eine technoide Erzählhaltung, bei der man nur bestaunen konnte, wie da einer mit einer einzigartigen Selbstverständlichkeit und Virtuosität die verknotetsten Stimmen auseinander dividierte. Ähnliche Verblüffung stellt sich auch bei der DVD ein, die Live- und TV-Studioaufnahmen von 1962 bietet. Mit einem Programm, das allen ABMlern dank der späteren Schallplatteneinspielung in Fleisch und Blut übergegangen sein dürfte. Bis auf die Beethoven-Sonate op. 2/3 und der Scarlatti-Sonate L 449 ist der Rest altbekannt: Beethovens op. 111, die drei Scarlatti-Sonaten L 352, 104 und 483 sowie die C-Dur-Sonate von Baldassare Galuppi.
Auf die Schwarz-Weiß-Aufnahmen müssen die heutigen Sehgewohnheiten sich erst einmal einstellen. Ein, zwei wie eingefrorene Kameraperspektiven - das reichte damals eben aus. Zumal laut Booklettext der Maestro bei den TV-Sitzungen darauf bestand, nicht aus der Nähe gefilmt zu werden. Die von ABM ausgehende, etwas dandyhaft wirkende Distanz übertrug sich da in ein Spiel aus architektonischer Kühle und lyrischer Blässe. Die Metamorphosen in Beethovens letzter Sonate werden nicht entwickelt, sondern brillant nachgebaut, in die C-Dur-Sonate op. 2/3 rammt er mächtige, klassizistische Säulen hinein. Dass ABM dagegen Galuppis Sonate in ihrer wunderbaren Intimität und Eleganz nuancenreich beim Wort nahm, ohne dass sie nur für einen Moment leblos oder gar altbacken-topfig wirkt, spricht dann schon wieder für diesen italienischen Dr. Jekyll & Mr. Hyde des modernen Klavierspiel.

Guido Fischer, 08.04.2006



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