Gerade noch hat Emil Gilels Busonis Bearbeitung von Bachs "Präludium und Fuge" D-Dur BWV 532 in ein herrlich ordinär-rauschendes Fest verwandelt. Akkord-Säulen hat er da hoch geschleudert und mit dem Pedal in der Luft festgenagelt, wurden die polyphonen Stimmen majestätisch, tumultös und hypervirtuos zu einer Klangkathedrale übereinander gestapelt, gegen die der Kölner Dom nur eine Steinhütte ist. Nach einem kurzen Händeausschütteln dann: Mozarts d-Moll-Fantasie KV 397. Ernst und dunkel, pochend tragisch und schicksalhaft inszeniert Gilels dieses Mini-Drama, dass einem der Atem stockt. Als der russische Pianist 1969 beim kanadischen Fernsehen ein Recital gab, bewies er einmal mehr, warum er auch im Westen schon früh Kultstatus besessen hat. Denn im Gegensatz nicht nur zu dem gedankenschweren und von ihm bewunderten Kollegen Swjatoslaw Richter brachte Gilels die technische Fulminanz mit Notentexttreue und emotionaler Beseelung in einen Einklang, der seitdem kaum mehr einem Pianisten mehr geglückt ist.
Und was für Beethoven-Kräfte er selbst in den Finalsatz von Mozarts a-Moll-Sonate KV 310 einspannte, besitzt genauso Ereignischarakter wie die schwungvolle, bravourös-handfeste Zugabe mit dem "Scherzo" und "Marsch" aus Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen". Zwei Jahre vor diesen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die ihn als Grandseigneur beim Applaus zeigen, aber gegenüber dem Flügel fast knabenhaft wirken lassen, liefen die Fernsehkameras glücklicherweise auch mit. Diesmal in Farbe, in New York und anlässlich Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll, bei dem Gilels in gewohnter Form auf koloristische Differenzierung und fesselnd genaue Explosivität setzte. Das übliche, unerträgliche Gedonnere überließ er auch da mal wieder allen zweitklassigen Top-Pianisten.

Guido Fischer, 26.05.2006



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