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Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Johannes Brahms, Anton Bruckner

Günter Wand Edition, Teil II - Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, Sinfonien u.a.

NDR Sinfonieorchester, Günter Wand

TDK/Naxos
(322 Min., 1990 - 1999) 4 DVDs

Den Wermutstropfen vorneweg: diese Neunte (eigentlich: Achte) Schuberts, die Günter Wand 1995 beim Schleswig-Holstein-Musikfestival aufführte, überzeugt nur in Details: zu viele Temposchwankungen - vor allem die verhaltenen Passagen schleppen mitunter über Gebühr - lassen eine durchgehende Stringenz vermissen. Obwohl ja eigentlich alle vier gewaltigen Sätze wenn nicht von Sturm und Drang, so doch von einem striktem Vorwärtsschreiten zeugen (der zweite Satz "Andante" trägt nicht zufällig den Zusatz "con moto"), so vermag in Wands Lübecker Einspielung nur der Schlusssatz rundum zu überzeugen. Auch folgen die NDR-Musiker den Tempo-Schwankungen nicht immer kohärent (wie am Übergang von der allzu gewichtig angegangenen Einleitung zum forschen Allegro des Kopfsatzes zu beobachten ist).
Ansonsten aber darf man bei der federnd und flott angegangen Fünften und der von tiefem Ernst geprägten "Unvollendeten" Schuberts staunen über das Gefühl und das Wissen des 2002 im Alter von 90 Jahren Verstorbenen um dynamische Feinabstufungen, große Phrasierungsbögen und kleine Motivgestaltungen, um Spannungsaufbau und -abbau. Kurzum: Wands (dem abgegriffenen Wort zum Trotz) analytisch-"organische" und gleichzeitig emotional durchdrungene Sicht erzwingt Bewunderung, gerade auch beim visuellen Nacherleben seiner Konzerte des Schleswig-Holstein-Musikfestivals, deren zweite DVD-Lieferung nun erschien.
Bemerkenswert dabei, wie äußerlich zurückhaltend der "große alte Mann", dessen asketisch-hagere Gestalt mit einem ungewöhnlich strengen Arbeitsethos korrespondierte, die Höhepunkte der beiden populärsten Sinfonien Bruckners quasi "begleitend" anging, während ihn die unspektakulären, verhaltenen Passagen gerade zu einem energisch-ausladenden Dirigat provozierten - gemäß der Maxime: das Spektakulär-Laute trägt sich von selbst (und muss nicht ins Gewaltsame verzerrt werden), während das Leise, "Gefährdete" besondere Aufmerksamkeit braucht. Besonders anschaulich ist das Adagio der Siebten, das Wand ruhig und mit großem Atem angeht und gleichzeitig energetisch auflädt bis zu jenem berüchtigten Höhepunkt, den er - natürlich - ohne reißerischen Beckenschlag präsentiert. Wie die Siebte geriet Wand 1990 im Lübecker Dom auch die Vierte zu einem jener wunderbar proportionierten und gleichzeitig tief ergreifenden Bruckner-Erlebnisse, die dem ehemaligen Gürzenicher Nachkriegsdirigenten die außergewöhnlichste "Alterskarriere" des letzten Jahrhunderts bescherte.
Eine fast Toscanini-hafte Strenge der Orchesterführung demonstriert Wand in Beethovens dritter Leonoren-Ouvertüre. Demgegenüber überwiegt in Brahms' sinfonischem Erstling sinfonische Wucht und Breite in des Wortes bester klangüppiger Bedeutung. Hier reizt Wand auch die Tempo-Vorgaben aus. Doch im Unterschied zu Schubert verträgt der Spätromantiker Brahms diese Schwankungen durchaus. Ergo: Wer sich einen bleibenden Eindruck von der großen deutschen Dirigententradition des letzten Jahrhunderts und ihrem klassisch-romantischen Exerzierfeld erhalten möchte, der kommt an Günter Wand und dieser Edition nicht vorbei.

Christoph Braun, 30.06.2006



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