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Ralph Vaughan Williams, Gustav Mahler, Ildebrando Pizzetti, Henri Duparc

L’invitation au voyage

Dietrich Henschel, Fritz Schwinghammer

harmonia mundi HMC 901875
(69 Min., 10/2004) 1 CD

Jene spezielle interpretatorische Herangehensweise an das Liedrepertoire, mit der Dietrich Fischer-Dieskau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Liedgesang revolutionierte und in der Folge mehr und mehr das Publikum spaltete, hat überlebt: Dietrich Henschel, selbst Fischer-Dieskau-Schüler, scheint heute der Hauptvertreter dieser Richtung zu sein, die eigentlich ja nur den Text in seinem Zusammenspiel mit der Musik optimal zur Geltung bringen will, tatsächlich jedoch auch den Sänger als Schöpfer einer kleingliedrig ausgetüftelten Darbietung stark in Szene setzt. Haupteinwand gegen diese Art der Interpretation: Das Urtümliche am sängerischen Vortrag, nämlich das Singen als solches, komme zu kurz, weil das Legato, der melodische Fluss, der große, eine ganze Phrase umfassende Bogen wieder und wieder konterkariert werde. Hören wir daraufhin die ersten Takte von Henri Duparcs "Phidylé" in Henschels Version, dann erleben wir genau das: Henschel färbt seine Stimme zunächst einmal von vornherein dunkler als sie eigentlich ist (wodurch er eine Winzigkeit zu tief ansetzt); auf "frais peupliers" und "germant" setzt er bedeutungsschwangere Akzente. Das Legato erfährt ferner auch dadurch eine Störung, dass es beim übersteigen des eingefärbten Grundtons dieser Phrase mehrfach zu einem abrupten Wechsel des Mischungsverhältnisses der Register kommt. Der langen Rede kurzer Sinn: Man vergleiche diesen Anfang einfach mit Konrad Jarnots Einspielung dieses Liedes - auch er übrigens ein Fischer-Dieskau-Schüler: Ihm gelingen die beschriebenen Phrasen aus einem einzigen Guss; er singt vor allem, deklamiert nicht hauptsächlich, ohne das dabei allerdings die Sprache zu kurz käme; Jarnot setzt seine Akzente so dezent, beinahe unmerklich, das sie den Vortrag auch vom Text her zum Leben erwecken, ohne dass er mit dem Finger auf einzelne Worte zeigen muss. Henschel tut sich mit seiner Manier des Zergliederns von Linien auch stimmlich keinen Gefallen: Wenn es nämlich kurz vor Schluss des Liedes nach langen Steigerungswellen schließlich in Form einiger Spitzentöne "zum Schwur kommt", klingt er angestrengt und harsch, wo Jarnot strahlenden, offenen, mitreißenden Gesang zu bieten hat. Der intellektuelle, allzu durchstrukturierte und vorausentworfene Vortrag birgt auch die Gefahr in sich, allzu weit vom Stück hinwegzuführen: Welche Art der Interpretation verlangt ein spätromantisches französisches Lied auf einem versteckt erotischen Text mit bewusst einkomponierten Möglichkeiten zu unterschiedlichster stimmlicher Prachtentfaltung? Sicher keine grüblerisch gebrochene Umsetzung, sondern eine zärtliche, glühende, drängende... Schade, dass Henschel die intellektuelle Distanz zum Lied hier nicht überwinden konnte, bietet doch Fritz Schwinghammer die beste, sprich differenzierteste, technisch souveränste und klangschönste Version der Klavierbegleitung dieses Liedes (und vieler anderer auf dieser CD), die derzeit auf einem Tonträger zu hören ist. Dankbar muss man Henschel übrigens für die ebenfalls im Programm enthaltenen drei Petrarca-Vertonungen von Ildebrando Pizzetti (1880-1968) sein, die ja sonst eigentlich nirgends zu hören sind, obwohl ihre hohe Qualität dies eigentlich geböte. Etwas besser als die französischen Lieder, wenn auch nicht ganz frei von den eingangs geschilderten Marotten, gelingen Henschel Ralph Vaughan Williams "Songs of Travel", wenngleich man sich auch hier bisweilen fragt, ob Bryn Terfel in seiner Einspielung nicht besser den Charakter dieser Gesänge trifft. Es liegt, dies sei nochmals betont, eine große Gefahr in jener verkünstelten Art des Liedersingens, sie stellt letztendlich auch eine Bedrohung für die Stimme selbst dar. Hoffen wir, dass Dietrich Henschel ihr nicht erliegt.

Michael Wersin, 27.07.2006



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