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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 10

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI 7243 5 56972 2 6
(77 Min., 9/1999) 1 CD

Lange Zeit hat sich niemand so recht herangetraut an Gustav Mahlers fragmentarisch erhaltene Zehnte. Weder Schönberg noch Schostakowitsch wollten das Werk, trotz Witwe Almas inständiger Bitten, vervollständigen, und als der britische Musikwissenschaftler Deryck Cooke mit Hilfe des Komponisten Berthold Goldschmidt schließlich eine "praktische Konzertfassung" der Skizzen erstellt hatte, wurde auch diese äußerst selten aufgeführt, sondern stattdessen immer nur das einleitende Adagio.
Einer der Wenigen, die von Anfang an Feuer und Flamme für Cookes Arbeit waren, ist Simon Rattle. Mahlers Zehnte war eines der ersten Werke, die er auf Platte einspielte, damals mit dem Sinfonieorchester aus Bournemouth, und nun hat er die Sinfonie mit den Berlinern ein zweites Mal aufgenommen.
Angesichts dieser emphatischen, detailgetreuen und emotional zutiefst anrührenden Interpretation lässt sich wohl von einem endgültigen Durchbruch für das Werk sprechen; man fragt sich, warum das so lange dauern musste. Schließlich lag die Zehnte in einem weit "fertigeren" Zustand vor als etwa Mozarts Requiem oder einige andere postum fertig gestellte Stücke. Es musste kein Takt neu hinzukomponiert werden und die fünf Sätze bieten sämtliche Fassetten des Komponisten Mahler, von dem hymnischen Gesang des Adagios über die Wunderhorn-Atmosphäre des "Purgatorio" (Nr. 3) zur sarkastischen, zerrissenen Ironie des zweiten Scherzos (Nr. 4).
Sicher, Mahler hätte noch vieles geändert, vor allem im Finale, dem unausgegorensten Satz der Sinfonie, er hätte manches anders harmonisiert und sicherlich auch anders instrumentiert. Doch selbst in dieser unfertigen Form enthält die Zehnte einige der faszinierendsten Momente in Mahlers kompositorischem Schaffen. Ebenso wie eine unvollendete Pietà von Michelangelo trotzdem eine Pietà von Michelangelo ist, präsentiert die Aufführungsversion der Zehnten – Cooke war stets zu bescheiden, von einer "Vollendung" zu sprechen – echten Mahler, besonders dann, wenn sie so ohne wenn und aber als Meisterwerk interpretiert wird wie von Rattle und den Berlinern.

Thomas Schulz, 01.03.2000



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