Olivier Messiaen

Turangalîla-Sinfonie, L'ascension

François Weigel (Klavier), Thomas Bloch (Ondes Martenot), Polnisches Radio-Sinfonieorchester, Antoni Wit

Naxos 8.554478-79
(107 Min., 10/1998, 12/1998) 2 CDs

Einen Preis für "geschmackliche Korrektheit" hat Olivier Messiaen mit seiner monströsen Turangalîla-Sinfonie sicher nicht verdient. Die Unbekümmertheit, mit der hier orgiastische Klangwolken, entfesselte Rhythmik und bonbonfarbene Filmmusikmelodien durcheinandergewürfelt werden, findet in der gesamten sinfonischen Literatur nichts ihresgleichen. Und dann muss man auch noch das Ondes Martenot ertragen, ein elektronisches Musikinstrument, dessen Klang dem einer singenden Säge ähnelt. Messiaen hatte eine große Schwäche dafür und setzte es in mehreren seiner Werke ein - für mich jedoch zählt diese Kiste zu den Tiefpunkten menschlichen Erfindergeistes.
Dennoch dürfte die zehnsätzige Sinfonie niemanden kalt lassen, bildet sie doch einen kompletten Gegensatz zu der in moderner Musik oftmals geradezu angebeteten Negativität. Der Titel "Turangalîla" stammt aus dem Sanskrit und hat mehrere Bedeutungen, unter ihnen "Gesang der Liebe" und "Hymne an die Freude". Tatsächlich sind Liebe und Freude die Fixpunkte des Werks - Liebe in allen Ausprägungen von sinnlichem Genuss bis zu spiritueller Verzückung, und, in den Worten Messiaens, "eine übermenschliche, überschäumende, blendende und maßlose Freude". Diese Freude überträgt sich unmittelbar auf den Hörer, den es bei Aufführungen regelmäßig zu Begeisterungsstürmen hinreißt.
Die Gelegenheit, mit diesem sinfonischen Paradiesvogel zu glänzen, haben schon viele Interpreten wahrgenommen, und es gibt auch eine ganze Menge hervorragender Aufnahmen, nicht zuletzt die mit Simon Rattle (EMI). Mit berühmten Namen kann die Naxos-Einspielung nicht aufwarten, trotzdem überzeugt sie auf der ganzen Linie. Antoni Wit widersteht der Versuchung, lediglich die Farben funkeln zu lassen und ein Feuerwerk von Knalleffekten zu zünden und betont stattdessen die spirituellen Aspekte des Werks. Seine Tempi sind relativ gemessen, was durchweg positive Ergebnisse zeitigt: Die rhythmische Struktur bleibt transparent, das orchestrale Geflecht durchhörbar, nicht zuletzt dank dem hervorragend eingespielten Orchester. Wunderbar die weltabgewandte Ruhe des sechsten Satzes "Jardin du sommeil" mit seiner unendlichen Melodie und den abgeklärt schimmernden Klavierfigurationen!
Der Pianist François Weigel meistert den enorm schwierigen Klavierpart mit souveräner rhythmischer und agogischer Gestaltungskraft; er kann es mit jedem anderen Pianisten, der sich an dem Werk versucht hat, aufnehmen. Als Zugabe gibt es - ebenso adäquat musiziert - Messiaens frühes und weit weniger exzentrisches Orchesterwerk "L’ascension". Wozu brauchen wir also große Namen? Selbst wer das zwei- bis vierfache für "Turangalîla" auszugeben bereit ist, wird nicht besser bedient werden als mit dieser hervorragenden Einspielung.

Thomas Schulz, 01.06.2000



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