Sexy, elegant und sinnlich" - das sind nicht unbedingt Vokabeln, die einem beim Gedanken an Arnold Schönberg in den Sinn kommen. Und doch ist es genau dieser Aspekt, der Simon Rattle, wie er sagt, an Schönbergs Musik besonders reizt. Die gigantischen "Gurrelieder" sind eine alte Jugendliebe Rattles, "eines der großen Orchester und Chor-Ereignisse, an denen man mitwirken kann". Diese Aufnahme präsentiert das Ergebnis von Rattles jahrzehntelanger Beschäftigung mit diesem Werk - ein besseres Omen für Rattles kommende Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern dürfte es kaum geben.
Im Grunde ist es erstaunlich, dass ein in so enormen Ausmaßen konzipiertes Werk doch relativ häufig auf Platte gebannt wurde. Vierhundert Mitwirkende sind gefordert, darunter eine der größten Orchesterbesetzungen, für die je geschrieben wurde; dagegen mutet die Orchestrierung von Mahlers Achter Sinfonie bescheiden an. Von Abbado über Boulez bis Ozawa reicht die Riege der Dirigenten, die es sich bislang zur Aufgabe gemacht haben, dieser monströsen Partitur beizukommen.
Als Vergleich bietet sich eine Aufnahme an, die ebenfalls in Berlin entstand: die mit Riccardo Chailly und dem Radio-Sinfonieorchester Berlin (jetzt: Deutsches Sinfonieorchester) bei Decca. Zumindest in den ersten beiden Teilen des dreiteiligen Werks handelt es sich um ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Vor allem in den Liebesliedern des ersten Teils überzeugt Siegfried Jerusalem (Decca) in der Rolle des König Waldemar stärker als Thomas Moser, dessen weicher und klangvoller Tenor nicht die Bandbreite zwischen Sehnsucht, Verzückung und Verzweiflung aufweist, die Jerusalem dieser Partie angedeihen lässt.
Auch Brigitte Fassbaender unter Chailly bietet als Waldtaube eine Glanzleistung, die Anne Sofie von Otter wohl erreicht, aber nicht übertrifft. Der Klang der Chailly-Aufnahme ist zudem transparenter, analytischer. Dafür fühlen sich Berliner Philharmoniker voll und ganz zu Hause in Schönbergs glühendem Abgesang auf die Spätromantik. Der Schlüssel zu Rattles Verständnis der "Gurrelieder" ist seine Aussage, bei dem Werk handle es sich um das "größte Streichquartett der Welt". Folgerichtig atmet seine Interpretation eine Wärme und kammermusikalische Intimität, die sich bei Chailly nur selten findet.
Im dritten Teil schließlich, in dem die Chöre zu Wort kommen, fällt die Entscheidung endgültig zu Gunsten Rattles. Die Klangmassen der Geisterjagd von Waldemars Mannen und des hymnischen Schlusses werden von Rattle vorbildlich aufgefächert, und sowohl die Männer des Ernst-Senff-Chores als auch die Musiker des Orchesters sind ihrer Aufgabe weit besser gewachsen als ihre Kollegen auf der Chailly-Einspielung. Thomas Quasthoff, der schon in der kleinen Partie des Bauern begeisterte, meistert das heikle Melodram kurz vor Schluss mit untrüglichem Stilgefühl.
Und schließlich nimmt sich Rattle um genau das Quäntchen mehr Zeit, das nötig ist, um die Musik nicht nur klingen, sondern auch atmen zu lassen. Hier ist jemand am Werk, der Schönberg liebt, und diese Liebe überträgt sich in jedem Takt dieser Einspielung auf die Mitwirkenden - und auch auf den Hörer.

Thomas Schulz, 01.03.2002



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