Es gibt Gesangsstimmen, die sich besonders vorteilhaft auf einem Tonträger festhalten lassen. Aus dem Lautsprecher klingen sie dann vollkommener als in einem Konzert. Andere Stimmen wiederum beeindrucken nur auf der Bühne, während im Studio immer Wünsche offen bleiben. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Manche Sänger benötigen auf Grund ihrer dynamischen Entfaltungsmöglichkeiten einen großen Raum, damit sie zur Geltung kommen. Bei vielen macht auch die überragende Bühnenpräsenz einen wichtigen Teil ihrer Vermittlungskunst aus. Auf die schwedische Sopranistin Birgit Nilsson, bezüglich Körper- und Stimmgröße wahrlich überdimensional, scheint beides zuzutreffen. Zehn Arien aus Nilssons ersten beiden EMI-Produktionen von 1957 und 1958 versammelt diese CD und offenbart dabei neben der Einzigartigkeit von Nilssons Stimme auch technische Schwächen.
Die Rachearie "Or sai chi l’onore" aus Mozarts "Don Giovanni" präsentiert sie mit solcher Gewalt, dass man sich fragt, warum Donna Anna sich Don Giovanni nicht gleich selbst vornimmt, statt Don Ottavio darum zu bitten. Die tatsächliche Durchschlagskraft ihrer Spitzentöne lässt die Aufnahme nur erahnen. Gleichzeitig jedoch werden Probleme hörbar: Neben sehr klaren Tönen gibt es viele gedeckte mit verfärbten Vokalen. Schnellere Noten verraten die Schwerfälligkeit der Stimme, die sich gleichzeitig auch in einigen zu tief angegangenen Tönen zeigt.
Immer wieder wechseln Faszination und Verwunderung: Registerprobleme nimmt man beispielsweise in den aufsteigenden Linien der Leonoren-Arie aus Beethovens "Fidelio" wahr: Von einem Ton auf den anderen verschwindet der Klang plötzlich im Gaumen. Mühe mit den Koloraturen wirkt sich im schnellen Teil von "Leise, Leise" (Bei Nilsson: "Läuse, Läuse") aus Webers "Freischütz" dadurch aus, dass sie dem Orchester immer wieder vorauseilt. Isoldes Liebestod aus Wagners "Tristan" enttäuscht ein wenig durch die permanent dunkle Färbung, die jede Textverständlichkeit verhindert und auch hier zu zeitweiligen Intonationsproblemen führt. Man vergleiche die hinreißende Interpretation von Margaret Price in der Kleiber-Gesamtaufnahme.
Von überraschender Qualität sind dagegen die Verdi-Aufnahmen, beispielsweise die Amelia-Arie "Ecco l’orrido campo" aus dem "Maskenball": Viel präsenter und besser geführt scheint hier die Stimme, entsprechend Nilssons Äußerung "Ich liebe es, Verdi zu singen, um meine Stimme flexibel zu halten". Zu robust war ihre Stimme, um im permanenten Wagner-Getümmel verheizt zu werden (schon mit einunddreißig debütierte sie als Brünnhilde). Aber etwas mehr italienische Oper hätte ihr gut getan.

Michael Wersin, 02.11.2000



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