Robert Schumann

Klavierquartett Es-Dur op. 47

Glenn Gould, Mitglieder des Juilliard-Quartetts


Sony SMK 52684
(5/1986)

Es gibt von Schumann manch magisches Stück Kammermusik, einiges davon dem Publikum völlig unbekannt; aber geradezu populär wurden die Schwesterwerke Klavierquartett und -quintett, beide komponiert im Jahre 1842 (und zwar mehr oder minder gleichzeitig), beide in derselben Tonart stehend, nämlich Es-Dur, beide zugleich aber auch völlig verschieden im Charakter.
Das hellere, stürmischere Quintett mag zwar populärer sein als das dunklere, geheimnisreichere Quartett, aber der Komponist selbst liebte gerade das: Es sei, so schrieb er an seine Frau Clara nach der Privat-Uraufführung am 5. April 1843, "recht effektvoll (...) effektvoller als das Quintett". Dem Urteil vermag der Hörer zwar nicht so recht zu folgen, auch wenn er tatsächlich insgeheim das Quartett vorzieht. Das Werk sprüht nicht nur vor Leben, wie die Schwester-Komposition, sondern auch vor Gedanken - tiefsinnigen, innigen, das jean-paulsche Geschwisterpaar Florestan und Eusebius mitunter heftig gegeneinander antreten lassend.
In den frühen siebziger Jahren gab es bei der damaligen CBS eine Aufnahme beider Kammermusiken, die seither Legende ist (CBS Masterworks veröffentlichte sie noch einmal, aber seltsamerweise nur in Frankreich, 1988 als CD). Da spielt dasselbe Streichensemble, das Juilliard-Quartett aus New York, mal in voller, mal in Teilbesetzung. Aber die beiden Pianisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Beim Quintett bringt Leonard Bernstein, damals noch auf der Höhe seiner klavieristischen Künste, seine kraftvoll-männliche Verve ein, konventionell vielleicht, aber mitreißend wie das Werk selbst. Wie heißt das im Jargon? Richtig: Vollblutmusiker.
Glenn Gould im Quartett ist natürlich ein ganz anderer Fall. Sein berühmtes Halbstakkato wird damals die drei Juilliard-Mitglieder ziemlich irritiert haben, und ebenso ergeht es dem Hörer anfangs, nach der langsamen Einleitung des Kopfsatzes, welche noch "ganz normal" klingt. Aber Gould wusste immer sehr genau, was er tat. Der nur scheinbar eckige Klavierpart lässt den drei Streichern Raum, ihr zum Teil fragmentiertes Singen auszuspielen; und wenn dann nicht (um mit dem Komponisten zu sprechen) "effektvolles" beziehungsweise draufgängerisches Tun verlangt wird, sondern geheime Gründe angedeutet werden, dann spielt auch Gould völlig anders - dann gestattet er sich und uns eine Prise vom rechten Pedal.
Auf jeden Fall waren das zwei Sternstunden in der Geschichte der Schallplatte. Nur leider gibt es im aktuellen Katalog gerade mal noch die Hälfte: die Quartett-Aufnahme mit Gould, innerhalb der Gould-Edition gekoppelt mit dem Klavierquintett von Brahms. Und das ist wirklich schade. Denn diese beiden Werke gehören, nicht nur ihrer Genese wegen, zusammen - besonders in so unterschiedlichen, aber in beiden Fällen "richtigen" Interpretationen.

Thomas Rübenacker, 31.01.2000


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