Domenico Scarlatti

17 Klaviersonaten

Vladimir Horowitz


Sony 42410
(1962, 1964, 1968)

Er hat sie wiederentdeckt, die Klavier-(eigentlich Cembalo-)Sonaten des 1685 in Neapel geborenen Domenico Scarlatti, der erst päpstlicher Kapellmeister und Operncompositeur in Rom war, dann Virtuose und Cembalolehrer in Madrid: Wladimir Horowitz, anno 1962. (Denselben Dienst tat Horowitz auch Muzio Clementi, mit weniger gewichtigen Resultaten.) Heute spielen alle den jüngeren Scarlatti: Pletnjew und Zacharias, Perahia und András Schiff, nicht zu vergessen die weniger bekannte Marcelle Meyer und, am Hammerklavier, Andreas Staier.
Aber nichts geht über Horowitz, wenn es gilt, die Modernität dieser Musik aufzuzeigen. Das geht bis Brahms und noch darüber hinaus, also fast zweihundert Jahre in die Zukunft. Einsätzige, meist zweigeteilte Aphorismen sind das, die Virtuosität ist ganz nach innen gerichtet (also kein früher Liszt) - scheinbar leichte Happen für einen immens fingerfertigen, dabei vom Naturell her eleganten, nie eigentlich sich zur Schau stellenden Horowitz. Sein Anschlag perlt, seine Phrasierung atmet, Scarlattis erstaunliche Klangfantasie beginnt zu leben und überwindet barocke gravitas; Brahms hat diese Erdenschwere - bei ihm allerdings charakterbedingt - später tatsächlich auch aufzuheben versucht, in den "Intermezzi", Scarlattis Eingebungen in mehr als einer Hinsicht verwandt. Vielleicht herrschte am spanischen Hof ja tatsächlich ein solch liberales Klima: Auch der Cellist und Scarlatti-Landsmann Boccherini sprengte dort die Fesseln barocker Konvention und fand die eigene, schon klassisch-frühromantisch geprägte „Moderne“.
Bei aller scheinbaren Beiläufigkeit und quasi "unsichtbaren" Nobilität scheint in Horowitz’ klassischer Aufnahme (in Wirklichkeit zwei, hier auf einer CD vereint) das Artifizielle auf, das diese Musik verklammert: seltene Übereinkunft von spontaner Fantasie und technischer Meisterschaft. Dass ein Horowitz, ungekrönter König des Tastenlöwentums in diesem Jahrhundert, sich überhaupt mit diesen preziösen, aufs erste Hören vielleicht unspektakulären Meisterstücken abgibt, hat Sinn - er selber war’s leid, immer wieder das b-Moll-Konzert von Tschaikowsky oder den brillanten Liszt spielen zu müssen, in jener Zeit (sechziger Jahre) hatte er sich sogar vom Konzertleben zurückgezogen und erforschte sein Innenleben ebenso wie das der Musik. "Er mag heute lieber das Leise", sagte seine Gattin, die Toscanini-Tochter Wanda.
Scarlatti ist leise - und doch zugleich verspielt genug, hochartifiziell, quirlig und "unter-der-Hand" brillant, dass ein introvertiert gewordener Virtuose sich buchstäblich alle zehn Finger danach lecken müsste. Horowitz hat’s getan und damit einen (neuen) Gipfel erklommen.

Thomas Rübenacker, 01.05.2000


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