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Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 6 op. 68 "Pastorale"

Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber

Orfeo C 600 031 B
(39 Min., 11/1983) 1 CD

Unter anderem im Autoradio von Carlos Kleibers Tochter überlebte dieses erstaunliche Tondokument zwanzig Jahre lang, bis überraschte Tontechniker entdeckten, dass sich daraus durchaus eine klanglich überzeugende CD machen ließe - ein Glück, denn der offizielle Mitschnitt, der bei diesem Konzert am 7. November 1983 in der Bayerischen Staatsoper gemacht wurde, hatte die zwei Jahrzehnte nur sehr schlecht überstanden und erwies sich als untauglich für die Herausgabe.
So blieb der Nachwelt ein wahrlich einzigartiges Stück Aufführungsgeschichte erhalten: Carlos Kleiber, einer der großen Skrupulösen und Publikumsscheuen im Klassik-Geschäft, hat Beethovens "Pastorale" nur dieses eine Mal dirigiert und dann nie wieder. Den Hörer erwartet eine Aufnahme mit vielen sensationell gelungenen Passagen von großer musikimmanenter Schlüssigkeit; die leidige Frage nach dem Grad der programmatischen Gebundenheit dieser Außenseiter-Komposition in Beethovens sinfonischem Œuvre stellt sich angesichts einer so stringent und logisch sich entfaltenden Wiedergabe nicht mehr. Wo die Geschlossenheit der Darbietung dennoch mal etwas nachlässt - bei einer so bedeutsamen Live-Aufnahme sei dies ebenso verziehen wie die sehr geringe Spielzeit der CD -, liegt das etwa an mangelnder Kongruenz des Orchesters oder auch einmal an einer weniger gelungenen Solo-Passage. Solche Einschränkungen ändern jedoch nichts daran, dass dieser Aufnahme als Ganzer ein Platz unter den großen "Pastorale"-Interpretationen der Vergangenheit gebührt; zu nennen wären etwa diejenigen von Furtwängler und Bruno Walter (beide mit den Wiener Philharmonikern, bei EMI), die Kleiber mit seinen äußerst raschen Tempi in punkto "Sportlichkeit" und Agilität übertrifft. Das von Kleiber erreichte Klangbild ist außerdem klar, vergleichsweise hell und sehr durchlässig nicht nur für die melodische, sondern auch für die motorische Struktur der Partitur. Alles in allem ein Glücksfall der Tondokumentation, den sich kein Freund sinfonischer Musik entgehen lassen sollte.

Michael Wersin, 01.01.2004



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