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Franz Schubert

Die Winterreise

Christine Schäfer, Eric Schneider

ONYX / Codaex 4010
(68 Min., 11/2003) 1 CD

Als Christine Schäfer vor wenigen Jahren bei der RuhrTriennale buchstäblich in einen Boxring stieg, um Schuberts "Winterreise" zu singen, wurden die vier Seilwände zum Sinnbild des in sich gefangenen Wanderers. Kurz darauf tauschte Schäfer den gedanklich etwas überdehnten Regieraum gegen die aseptische Studioatmosphäre ein, um fernab des großen Klassikbranchenmarktes für ein kleines Label und in Eigenregie die 24 Lieder einzusingen. Und schon "Gute Nacht" muss all jene wie ein Donnerschlag treffen, die noch das breitbeinige Pathos des reifen Dietrich Fischer-Dieskau oder die mit nachdenklicher Melancholie aufgeladene Einspielung jüngeren Datums eines Christian Gerhaher im Ohr und Gemüt haben. Mit ihrer instrumentalen Linienbildung und dem fast gleich bleibenden Timbre setzt Schäfer auf eine Art Clarté, die in dieser frappierenden Radikalität zunächst erst verunsichert und verstört. Hier ist der Wanderer nicht mehr ein ziellos umher wankender Loser, sondern in seiner abgeklärten Selbstvergewisserung schon fast ein hochromantischer Dandy. Mit scheinbar monochromer Monotonie und ohne einen Hauch von musikalisch doppelbödiger Gestik stellt Schäfer so ein selbstbewusstes Individuum zur Diskussion, das von vornherein eines nicht will: Mitgefühl. Allein nach den ersten knapp fünf Minuten mag man es kaum glauben, dass Schäfer eine Schülerin von Fischer-Dieskau sein soll. Sie scheint da doch eher dem Interpretationskurs eines Pierre Boulez folgen zu wollen, mit dem sie ja eine jahrelange und künstlerisch ergiebige Freundschaft verbindet. Womit Schuberts "Die Winterreise" einerseits seiner metaphysischen Aura beraubt wird, weil jeder anrührende und schmerzhafte Herzschlag auf ein menschliches Maß zurückgefahren worden ist. Andererseits verzichtet Schäfer mit ihrem kongenialen Partner am Klavier, Eric Schneider, auf jedes lautmalerische Decors. Die "Wetterfahne" hängt wie ein schauerlich beängstigender Lappen herunter, der "Lindenbaum" ist ein gespenstischer Trostspender. Und wenn Schäfer in "Irrlicht" plötzlich alle Fragilität mit stoischer Akkuratesse und in "Rast" das Frösteln in seiner trügerischen Ruhe mit dunklen Farben einfängt, hat sich der Donnerschlag in eine magnetische Anziehungskraft verwandelt. Auch wenn man dieser "Winterreise" stets mit offenen Augen und Ohren folgen sollte.

Guido Fischer, 01.04.2006



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