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Maurice Ravel

Bolero, Pavane, Concerto pour la main gauche, Rapsodie espagnole, La valse

Anima Eterna Brugge, Claire Chevallier, Jos van Immerseel

Zig Zag Territoires/Note 1 ZZT 060901
(61 Min., 10/2005) 1 CD

Hier gibt der sonst so konservativ-seriöse Kritiker seine Zurückhaltung auf: Geil, einfach nur geil ist schon das erste Stück auf dieser CD, der von vielen gehasste „Bolero“, der aufgrund seiner Redundanz im Spanien Francos einst erfolgreich zur Folter eingesetzt worden sein soll. Diese Neueinspielung auf historischen Instrumenten der Ravel-Zeit müsste man eine ganze Weile laufen lassen, bis das Stück einem so richtig zum Halse raushängt: Vor allem die Farben der originalen Blasinstrumente sind so aufregend anders als die heute vertrauten, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Entsprechend neu erlebt man auch die Mixturen. Grandios gelungen außer-dem die Wahl des Tempos: Jos van Immerseel, der das Ensemble Anima Eterna hier leitet, hat sich mit den historischen Einspielungen des „Bolero“, u. a. mit den beiden von Ravel selbst dirigierten, eingehend beschäftigt und ist auf dieser Basis eindeutig zu einer optimalen Lösung der Tempofrage gelangt. Ganz neu hört man auch „La Valse“, diesen schauerlich-wehmütigen Abgesang auf die alte Welt des habsburgerischen Kaisertums und der rauschenden, walzerseligen Bälle des Adels, die mit dem Ersten Weltkrieg donnernd in den Orkus fuhr: Die rauchigen, warmen Farben der historischen Instrumente hüllen Ravels harmonisch verfremdete und verzerrte Walzerklänge in jene geisterhaften Nebel, die ansonsten nur in historischen Aufnahmen des Stücks, vor allem in derjenigen von Pierre Monteux und dem San Francisco Symphony Orchestra (1941, Andante), zu erleben waren. Und der Erard-Flügel von 1905 als Soloinstrument im „Konzert für die linke Hand“: Wie gut tut die Abwesenheit Steinway‘scher Turbo-Brillanz dieser eigentlich doch so ungeheuer wehmütigen, verhangenen Musik. Ein Triumph für den Initiator und Dirigenten Jos van Immerseel, ein Triumph auch für die historisierende Aufführungspraxis, von der man immer wieder hört, sie habe sich nun endgültig totgelaufen, könne nichts Neues mehr bringen. Irrtum: Wenn nun selbst Ravel schon auf Instrumenten seiner Zeit so viel interessanter und prägnanter klingt, dann markieren doch jene wenigen Jahrzehnte im 20. Jahrhundert, in denen man das klassische Instrumentarium durchuniformiert und auf Hochglanz getrimmt hat, den eigentlichen Holzweg. Zurück zur individuellen Farbe, zu nationalen Unterschieden in Timbre und Interpretation muss die Parole lauten, daran kann spätestens nach dieser CD kein Zweifel mehr bestehen .

Michael Wersin, 01.06.2006



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