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François Couperin

tic toc choc

Alexandre Tharaud

harmonia mundi
(65 Min., 7/2006) 1 CD

Irgendwann bekommt jede noch so akademische Frage die Antwort, die sie verdient. Bach und die Virginalisten um Gibbons und Byrd auf dem Klavier? Glenn Goulds Überzeugungsarbeit ist längst zum musikalischen Tatbestand geworden. Nach seiner Einspielung von Rameaupiècen liefert jetzt Alexandre Tharaud mit einer Auswahl von Stücken François Couperins das nun wirklich letzte Argument, dass auch die französischen Clavecinisten wohl erst so richtig an einem fabrikneuen Steinway aufblühen. Zumal nicht zuletzt Couperin ständig an spieltechnischen Möglichkeiten feilte, um dem barocken Musterkatalog von Klangfarbe, Rhythmik und vor allem Ornamentik neu zu kommentieren. Dass dabei nicht nur Hände beispielsweise beim tic-toc-choc (eine Handkreuzung), sondern auch die Finger gelenkig sein müssen, zeigt Alexandre Tharaud gleich auf dem CD-Cover und im Booklet mit einigen Spagatstudien und Dehnübungen. Bei Tharaud verkehrt sich jeder Anflug von gezirkelter und gestochener Motorik in Empfindsamkeit und Noblesse, ist nichts mehr Dekor, sondern integraler Bestandteil in diesen kleinen Wunderwelten mit großer Wirkung. Schon das geheimnisvolle Eröffnungsstück „Les baricades mistérieuses“ entmaterialisiert Tharaud mit seiner seismografisch feinen Gestaltungskultur durchaus gedankenverloren – in dieser dahinfließenden Schönheit der Same für Mendelssohns „Lieder ohne Worte“. Und die atmende Legatowürde, die Tharaud gerade den delikat intimen Stücken wie „La Couperin“, „Les ombres errantes“ und „Le dodo ou l’amour au berceau“ verleiht, hat nichts mehr mit klassizistischen Ordnungsklischees zu tun. Zumal Tharaud mit seiner wunderbar natürlichen, voller zarten Tönungen steckenden Anschlagskultur auch all die pastoralen Farben und Stimmungen entstehen lässt, mit denen zwei Jahrhunderte später sich ein Fauré oder ein Chabrier als Couperinfans outeten. Fernab jeglicher Spieluhrkultur geht Tharaud natürlich auch die anspruchsvollen Herausforderungen an. Allein „L’Atalante“ ist hier kein Demonstrationsobjekt für geläufige Finger, sondern musikantische Lebensfreude pur. Und wie Tharaud mitsamt dem Trommler Pablo Pico in die lautmalerische Schlachtenmusik „Bruit de guerre“ einzieht und orchestrale Effekte inszeniert und auskostet, gerät zum wahren Triumphzug. Für François Couperin auf dem Klavier – und für seinen Förderer Alexandre Tharaud. So soll es sein...

Guido Fischer, 01.03.2007



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