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Karol Szymanowski

König Roger, Sinfonie Nr. 4

Thomas Hampson, Philip Langridge, Elzbieta Szmytka, Leif Ove Andsnes u.a., City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle

EMI 5 56823 2
(112 Min., 10/1996, 7/1998) 2 CDs

Simon Rattle, der Entdecker, hat wieder zugeschlagen. Schon seit langer Zeit hat Rattle ein Faible für Karol Szymanowski. Und es war schon immer Rattles größte Stärke, den Glauben an den Wert der Musik, die er gerade liebt, enthusiastisch zu vermitteln.
Szymanowskis Musik - zumindest die der Schaffensperiode, in der "König Roger" entstand – ist kosmopolitisch wie kaum eine Zweite. Sie verbindet Elemente des französischen Impressionismus mit Einflüssen von Schönberg und Reger sowie des frühen Strawinsky, ohne dass sich eines dieser Elemente störend in den Vordergrund drängt. Hinzu kommt eine wild wuchernde Exotik, die ihren Ursprung bei der Faszination des Komponisten durch die arabisch-islamische Kultur des Mittelalters findet. Szymanowski studierte die Kunst Südeuropas und Nordafrikas und diese Beschäftigung ging unmittelbar in seine Musik ein - und zwar nicht als identifizierbares folkloristisches Element, sondern als im Überfluss schillernde Klanglichkeit und komplexe Harmonik, die in ihrer Sinnlichkeit die Grenze zur Formlosigkeit wohl gelegentlich erreicht, doch nie überschreitet.
Charakteristisch für diese Schaffensphase Szymanowskis ist die 1926 uraufgeführte Oper "König Roger" - allein schon auf Grund der Handlung, die im Grunde gar keine ist: Roger, König des mittelalterlichen Sizilien, sieht sich durch einen fremden Hirten mit einem rauschhaften, erotisch-dionysischen Kult konfrontiert, der viele in seinen Bann schlägt, auch Rogers Frau und beinahe auch den König selbst. Im letzten Moment jedoch wendet er sich von dem verlockenden Kult ab und wählt den Weg des Lichts und der Selbsterkenntnis. Dieses Werk ist kaum auf die Bühne zu bringen, wirkt jedoch auf CD umso stärker - und besonders in dieser Aufnahme.
Der Farbenreichtum und die dynamischen Extreme der Partitur sind mit einer solchen Präsenz eingefangen, als ob sich Orchester, Chor und Solisten während der Einspielung selbst unter dem Banne Dionysos’ befunden hätten. Als erst von Gewissensqualen belasteter, später zu sich selbst findender König glänzt Thomas Hampson, Elzbieta Szmytka gibt eine verführerische Roxana. Rattle hat mal wieder einem Meisterwerk zu seinem Recht verholfen.
Eine Steigerung dieses Meisterwerks war nicht mehr möglich. Typisch für Szymanowskis späteren, herberen und auch einfacheren, von der polnischen Folklore geprägten Stil präsentiert sich die "Sinfonia Concertante" (vierte Sinfonie) für Klavier und Orchester, die hier von Leif Ove Andsnes mit Klangfinesse und Temperament dargeboten wird.

Thomas Schulz, 01.05.1999



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