Ludwig van Beethoven

Klavierkonzert Nr. 1

Glenn Gould, Columbia Symphony Orchestra, Wladimir Golschmann


Sony SM3K 52 632
aufgenommen am 29. und am 30. April 1958 in New York; 3-CD-Box mit allen fünf Beethoven-Konzerten

Mit Beethoven verband Glenn Gould eine Art Hassliebe: In grundsätzlichen Fragen gab es wohl eine Geistesverwandtschaft zwischen dem Exzentriker aus Bonn und dem aus Toronto, vor allem was künstlerische Radikalität, moralische Rigorosität, Kompromisslosigkeit und auch zunehmende Menschenscheu betraf. Und trotzdem fühlte sich Gould in seinen späteren Jahren immer wieder herausgefordert, sein Missfallen über zahlreiche "Meisterwerke" aus Beethovens mittlerer Schaffensphase zu bekunden, die er schlicht als "minderwertig" einstufte: Darunter so bedeutende Arbeiten wie das Violinkonzert oder die Sinfonien vier bis sechs, aber auch die berühmten Klaviersonaten "Pathétique", "Waldstein" und "Appassionata", die er dann im Studio so schrecklich spielte, dass man sie kaum wiedererkennen konnte. Gould beklagte hier vor allem die "Dürftigkeit" der thematischen Ideen.
Nur wenige Jahre zuvor, am Anfang seiner Weltkarriere, spielte der fünfundzwanzigjährige Jungstar Beethoven (und auch Mozart und Bach) noch ganz anders - viel lebendiger, flüssiger, drängender und mit mehr Herzenswärme als nach seinem Rückzug vom Konzertpodium, als er damit aufgehört hatte, ganze Stücke im Zusammenhang zu spielen und sich völlig der Montagetechnik des minutiösen Studioschnitts verschrieben hatte. Es liegen Welten zwischen seiner grotesk-missratenen "Appassionata"-Einspielung des Jahres 1967 und der an pulsierender Seelenenergie, dramatischer Stringenz und menschlicher Wärme bis heute unübertroffenen Referenz-Aufnahme des ersten Klavierkonzerts im Jahr 1958 (unter dem wunderbar mitfühlenden und von Gould einer Koryphäe wie Leonard Bernstein vorgezogenen Dirigenten Wladimir Golschmann).
In diesem Konzert hinterließ Gould der Welt seinen größten Geniestreich als Komponist und Stil-Parodist: Seine 92 Takte lange, kontrapunktisch und thematisch minutiös durchgearbeitete, eigenhändige Kadenz zum Kopfsatz ist eine meisterhafte Kombination von Fuge, Sonatensatz und dramatischer Verdichtung des Satzverlaufs aus dem Blickwinkel eines erweiterten, "Regerschen" Tonalitätsbegriffs - und ist überdies gespickt mit zahlreichen "parodistischen" Pointen. Sie ist ein kleines, tickendes, feinmechanisches Wunderwerk aus der Werkstatt eines Schweizer Uhrmachers, und sie enthüllt mehr über die tiefe Herzensbindung Goulds zu Beethovens musikalischem Ethos als alle Beethoven-Abfälligkeiten des späteren Gould.
Auch für den dritten Satz komponierte Gould eine harmonisch ziemlich verwegene Kadenz, die er selbst später als "Rhapsodie" bezeichnete. Beide Kadenzen erschienen im gleichen Jahr bei Barger und Barclay in New York im Druck. Gould wusste um die Qualität seiner Beethoven-Miniaturen und resümierte: "Beide Kadenzen gehen organisch aus dem Werk hervor, wodurch sie freilich den ursprünglichen Zweck einer Kadenz leugnen, das Vorführen von Virtuosität. Immerhin habe ich nicht verlangt, dass das Orchester auf den Balkon heraustritt, während sich das Klavier drei glorreiche Minuten lang allein im Glanz der Kronleuchter sonnt."

Attila Csampai, 01.05.1996


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